Jugendstilkünstler Henry van de Velde wird in Weimar mit einer Schau zum 150. Geburtstag gefeiert

Ein Wunder an Kreativität

Nierenförmiges Prachtstück: Ein von Henry van de Velde 1899 entworfener Schreibtisch. Fotos: Klassik Stiftung Weimar/ nh

Weimar. Henry van de Velde war ein Alleskönner. Der am 3. April 1863, also heute vor 150 Jahren, in Antwerpen geborene Gestalter betrachtete das gesamte Lebensumfeld des Menschen von der Schraube bis zum Haus. „Dieser kleine Flame war ein Wunder an Kreativität.“ So schwärmt Thomas Föhl von dem Architekten und Produktgestalter.

Föhl ist Kurator der großen Galaschau im Neuen Museum Weimar zu van de Velde 150. Geburtstag. Die mit rund 700 Exponaten bestückte Präsentation ist orientiert an den Lebensstationen des 1957 in der Schweiz gestorbenen „Alleskünstlers“, wie Föhl ihn nennt. Darüber hinaus stellt sie sein Schaffen einer Auswahl von Werken maßgeblicher Zeitgenossen und Konkurrenten wie Peter Behrens oder Victor Horta gegenüber. Auch Umsetzungen seiner Entwürfe durch thüringische Handwerker sind zu sehen.

Das Gemälde „Kettelndes Mädchen“ (1890) weist darauf hin, dass van de Velde seine Laufbahn als Maler begann. Doch ihm kamen Zweifel an der gesellschaftlichen Relevanz von Gemälden. Daher gab er 1893 die Malerei auf, um fortan das Leben der Menschen durch die Gestaltung eines ästhetisch stimmigen Umfeldes zu verbessern. Thomas Föhl erklärt: „Der Alleskünstler blieb lebenslang seiner Überzeugung treu, die Gestaltung eines Gegenstandes sei desto vollkommener, je exakter sie dessen Zweck entspreche.“ Mit seiner auf der Ausdruckskraft der Linie beruhenden Produktgestaltung wurde er zu einem Wegbereiter der Moderne. Das illustriert die Schau mit einem nierenförmigen Schreibtisch (1899), einer vierflammigen elektrischen Deckenleuchte (1898) oder der „Grün-rosa-Tapete Nr. 4“.

Als künstlerischer Berater des Großherzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und Eisenach ließ sich Henry van de Velde 1902 in Weimar nieder. Die Weimarer Jahre, die bis 1917 währten, gelten als seine schöpferisch beste Zeit. Die Ausstellung veranschaulicht das durch eine mit Leuchtern, Porzellan und Silbergerät bis hin zur Austerngabel reich gedeckte Tafel. Auch als Architekt tat er sich hervor. In Weimar belegen dies das Kunstschulgebäude und die von ihm geleitete Kunstgewerbeschule. Die beiden werden heute von der Universität genutzt und waren ab 1919 Lehrgebäude des Staatlichen Bauhauses. Föhl: „Ohne van de Veldes vorausschauende Wertschätzung von Walter Gropius als seinem Nachfolger wäre das Bauhaus nicht gegründet worden.“

Die Schau klingt mit einem Blick auf das in den Niederlanden und Belgien geschaffene Spätwerk aus. Noch mit über 70 Jahren war er zu Lande und zu Wasser tätig. Ein Modell zeigt die von Henry van de Velde entworfene Innenausstattung des Fährschiffs „Prince Baudouin“ (1933/34), eine hölzerne Doppelbank mit Gepäckablage (1933/34) weist auf Entwürfe für die Belgische Staatsbahn hin.

Bis 23.6. im Neuen Museum, Weimarplatz 5, Weimar. Informationen: Tel.: 03643-545400, www.klassik-stiftung.de/vandervelde, Katalog 39,90 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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