Das Wunder des Wissens: Das Internet-Lexikon Wikipedia wird zehn Jahre alt

Eine Dekade, die die Welt veränderte: Das Wikipedia-Logo.  Montage: Köberich

Es gibt dieses Zitat, das den Benutzer des Internet-Lexikons Wikipedia mit dem Besucher eines öffentlichen Klos vergleicht: „Es mag dort offensichtlich schmuddelig sein oder es erscheint ziemlich sauber, auf keinen Fall aber ist dem Besucher bekannt, wer die Einrichtung vor ihm benutzt haben mag.“ Der Satz stammt von Robert McHenry, dem ehemaligen Chefredakteur der renommierten Encyclopaedia Britannica. Sein Problem ist, dass die Menschen lieber die nicht transparente Wikipedia benutzen als von Experten verfasste Nachschlagewerke wie den Brockhaus.

Das hätte vor zehn Jahren niemand gedacht. Am 15. Januar 2001 ging Wikipedia online. Der allererste Text stammte von Gründer Jimmy Wales, der als Test die Wörter „Hello, World!“ in die Welt schickte. Seither haben mehr als eine Million Menschen mehr als 17 Millionen Artikel geschrieben. Das größte Lexikon der Welt wird pro Monat von 400 Millionen Besuchern aufgerufen und umfasst 260 Sprachen. Die deutschsprachige Wikipedia ist mit 1,7 Millionen Texten das zweitgrößte Angebot.

Die Online-Enzyklopädie „hat unser Wissen revolutioniert“, sagt der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer. Früher musste man erst einmal in die Bibliothek gehen, um etwas nachzuschlagen, heute reicht ein Klick am Computer-Bildschirm oder auf dem Smartphone. Den Wissenschaftler interessiert vor allem der Herstellungszusammenhang, der für ihn „ein Wunder“ ist, denn die freiwilligen Mitarbeiter erhalten weder Geld noch Reputation.

Ein ähnliches Experiment von Wales und dem zweiten Wikipedia-Gründer Larry Sanger war bereits 1999 gescheitert: Im ebenfalls kostenlosen Web-Lexikon Nupedia sollten ausschließlich Experten schreiben, doch nach einem Jahr gab es gerade einmal etwas mehr als ein Dutzend Einträge. Heute kommen allein in der deutschsprachigen Wikipedia jeden Tag 400 Artikel hinzu.

Keine Graswurzeldemokratie

Die Autoren machen dem hawaiianischen Begriff „wiki“ („schnell“) immer noch alle Ehre. Auf diese Schwarmintelligenz setzen mittlerweile auch andere Mitmachprojekte wie etwa das Regiowiki unserer Zeitung (siehe links). Zugleich hat Wikipedia anderen sozialen Medien des Web 2.0 wie dem Netzwerk Facebook und der Video-Plattform Youtube das Feld bereitet.

Eine Graswurzeldemokratie, wie Wikipedia oft bezeichnet wird, ist das Lexikon indes nicht, wie der Soziologe Stegbauer herausgefunden hat: „Wie es weitergeht, bestimmen nur relativ wenige. Es gibt eine Herrschaft der Administratoren.“ Das sind ausgewählte Mitarbeiter, die besondere Rechte innerhalb der Gemeinschaft haben und in strittigen Fällen entscheiden.

In Deutschland schreiben etwa 7000 Nutzer regelmäßig bei Wikipedia - meistens männliche Studenten zwischen 25 und 30, nur zehn Prozent sind Frauen. „Wir spiegeln in den Artikeln noch nicht die gesellschaftliche Zusammensetzung wider“, sagt Pavel Richter, Geschäftsführer des Vereins Wikimedia Deutschland. So kommt es, dass das Erfolgsprojekt Wikipedia ein kurioses Nachwuchsproblem hat: Gesucht werden vor allem ältere Autoren, die ihr Wissen einbringen und das Lexikon noch besser machen.

Denn immer wieder tauchen Fehler auf. Allein auf Wikipedia, raten alle Experten, sollte sich niemand verlassen. Andererseits werden manche Pannen schnell behoben: Als Journalisten vor einigen Jahren testweise in einem Artikel schrieben, dass Nancy Reagan zum Amtsantritt ihres Mannes als US-Präsident im Weißen Haus die Schwulen-Band Village People habe auftreten lassen, dauerte es nur zwei Minuten, bis der Fehler korrigiert war.

Wissenswertes

Die Anfänge

Bevor die Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger mit Wikipedia Geschichte schrieben, betrieb Wales das Männer-Portal Bomis.com, auf dem es um Sport, Klatsch und nackte Frauen ging.

Die Organisation

2003 gründete Wales die Wikimedia-Stiftung, die auch Projekte wie Wikibooks (Inhalte elektronischer Lehrbücher) und Wikiquote (Zitatesammlung) betreibt. Finanziert wird sie über Spenden, weshalb Wikipedia werbefrei ist.

Peinlichkeiten

Studien sagen, dass Wikipedia so verlässlich wie der Brockhaus sei. Trotzdem kommt es immer wieder zu Pannen wie diesen:

• Der schottische Call-Center-Angestellte Alan Mcilwraith behauptete 2005 in einem Artikel, ein hochdekorierter Kriegsheld zu sein. Ein Jahr später deckte eine Zeitung den Schwindel auf.

• Der Schweizer Informatikprofessor Bertrand Meyer starb laut Wikipedia Heiligabend 2005. Es handelte sich um einen Studentenscherz - Meyer lebt noch.

• Während der Korruptionsaffäre versuchten Siemens-Mitarbeiter, die Biografie ihres Chefs Klaus Kleinfeld zu beschönigen.

• In dem Artikel über Karl-Theodor zu Guttenberg fügte ein Autor im Februar 2009 den falschen Vornamen Wilhelm hinzu, den Medien dann übernahmen.

Kurioses

Grundsätzlich kann über alles geschrieben werden, was als wichtig erachtet wird. Es gibt auch absurde Diskussionen. So entbrannte eine lange Debatte, ob der Wiener Donauturm ein Aussichts- oder Fernsehturm sei. Die Auseinandersetzung erstreckte sich über mehr als 600 000 Zeichen. In der Versionsgeschichte zu jedem Artikel findet man die älteren Einträge.

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