Katharina Thoma inszeniert Mozarts „Zauberflöte“ als märchenhafte Traumgeschichte

Kassel. Die „Zauberflöte“ - ein Mädchentraum. Es beginnt mit einem Film zur Ouvertüre: In der Schule geht alles schief, daheim streiten sich die Eltern, da flieht das Mädchen (Judith Niederkofler) auf den Dachboden und entdeckt eine alte Partitur der „Zauberflöte“.

Plötzlich rollt unter dem schrägen Gebälk ein Prinz hervor, und ein alter Teppich beginnt sich zu bewegen wie eine Schlange.

Schon sind wir mittendrin in einer Fantasy-Opernhandlung, die einer J. K. Rowling oder Cornelia Funke würdig wäre. Denn Regisseurin Katharina Thoma ist eine suggestive Erzählerin mit überbordender Fantasie.

Der Dachboden wird zu einer wahren Zauberwelt, wo der Vogelmensch Papageno durchs Dachfenster purzelt (Bühne: Daniel Roskamp), die drei Damen im mondänen 20er-Jahre-Look (Kostüme: Ulrike Obermüller) aus einem Schrank herausplatzen und die drei Knaben ihre weisen Ratschläge als Miniatur-Mozarts aus einem Goldrahmen heraus erteilen. Nicht einmal ein kleiner (Kasseler) Waschbär fehlt in dem Panoptikum. Das Mädchen sieht staunend zu, lacht oder leidet mit und greift auch mal ins Geschehen ein, etwa wenn es die drei aufdringlichen Sklaven mit der Partitur k.o. schlägt.

Was so lustig, ja klamaukig beginnt, erhält eine ernste Note, als für Tamino und Papageno die Prüfungen in Sarastros Tempel beginnen: Die Priester, teils würdige Herren im Stresemann, teils Soldaten in Uniform, ziehen die beiden zum Militär ein, verpassen ihnen Stahlhelme und trimmen sie auf Befehl und Gehorsam.

Katharina Thoma macht das übliche Verwirrspiel um Gut und Böse in Emanuel Schikaneders Libretto nicht mit: Beide, die Königin der Nacht als machtbewusste Grande Dame wie auch der uniformierte Sarastro mit seiner männerbündischen Schar, verkörpern eine alte hierarchische Gesellschaft, in die sich die Jungen gefälligst einzufügen haben. Hier werden nicht „Sterbliche den Göttern gleich“, sondern sie lernen den Ernst des Lebens kennen.

Eine Sicht der Dinge, gegen die man wenig einwenden kann, außer dass Mozarts „Zauberflöten“-Musik eben nicht in der Opernhandlung aufgeht. Und genau hier liegt das Problem dieser detailverliebten Inszenierung: Sie will alles erklären, alles bebildern, öffnet der Musik aber zu wenig Räume.

Generalmusikdirektor Patrik Ringborg verhilft der Partitur gleichwohl zu ihrem ganz eigenen Recht: Mozarts zukunftsweisende Musik, die kunstvolle Schlichtheit, Gefühlstiefe und hohes Ethos miteinander verbindet, kommt äußerst sprechend, rhythmisch gespannt und tonschön aus dem Orchestergraben. Und weil der hier angehoben ist, klingen die feinen Holzflöten, die Bassetthörner, die Posaunen, aber auch die Streicher noch präsenter als gewohnt.

Auch sängerisch gibt es starke Momente: brillant, wie Karolina Andersson die Rachearie der Königin der Nacht, Nina Bernsteiner als Pamina eine ergreifende „Ach, ich fühl’s“-Arie singt. Marc-Olivier Oetterli ist als Papageno ein beeindruckender Sängerdarsteller, während Dong Won Kim als Tamino etwas blass bleibt. Mario Klein als sicherem Sarastro würde man in der Tiefe noch mehr Fülle wünschen.

Sängerisch wie darstellerisch grandios sind die drei Damen, Nicole Chevalier, Maren Engelhardt und Christiane Bassek - eine Luxusbesetzung. Ebenso eindrucksvoll Johannes An und Tomasz Wija als Geharnischte. Stars des Abends waren aber die drei wunderbaren Knabensolisten der Dortmunder Chorakademie. Sie erhielten auch den meisten Beifall.

Die Dezember-Vorstellungen sind ausverkauft. Karten für 11., 13. und 22.1.2012 unter Tel. 0561 / 1094-222. Foto: Klinger

Von Werner Fritsch

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