Mark Zurmühle inszeniert in Göttingen Aischylos’ antike Tragödie

Die "Orestie" am Deutschen Theater: Wutbürger in der Geisterbahn

Als Bote: Roland Bonjour mit Maske.

Göttingen. Elf Zeigefinger piksen in die Luft, beschreiben elf Kreise, steigen empor, sinken herab. Fäuste ballen sich, Hände flattern. Es ist still, und doch wird kommuniziert.

Wenn der Gebärdensprachenchor im Nebel der hinteren Bühne auftaucht, sind nur Hände und Gesichter sichtbar. Die Leiber bleiben in der Schwärze. Gesten kommentieren das Geschehen. Ein Höhepunkt in Mark Zurmühles Inszenierung der antiken „Orestie“ von Aischylos.

Menschen bleiben einander fremd, weil jeder in seiner eigenen Sprache spricht, in seinem Denksystem verhaftet bleibt. Zurmühle macht die Unüberwindbarkeit dieser Kommunikationsschranken mit dem Gebärdenchor deutlich, dessen Verständigungssystem für die meisten von uns einer Übersetzung bedarf. Ein stimmiger Einfall. Doch werden die teils gehörlosen, teils hörenden Gestensprecher auf der leeren Bühne (Eleonore Bircher) zu wenig einbezogen. Diese Idee hätte ausgebaut werden können.

Wie in einem Zombiefilm

So wie andere Einfälle auch. Orestes etwa wird von zwei Schauspielern verkörpert, Roland Bonjour und Alois Reinhardt sollen die inneren Konflikte des Familienrächers personifizieren. Doch das löst sich nicht ein. Charakterlich ununterscheidbar federn die beiden in Sportsocken über die Bühne, einer trägt rätselhafterweise einen Golfschläger, man setzt immerhin manchmal Masken mit verschiedenen Gesichtsausdrücken auf (Kostüme: Ilka Kops). Dieser zweite Tragödienteil driftet ins Lächerliche ab wie in einem Zombiefilm.

Wenn dann im dritten Teil bei der Gerichtsverhandlung die schwarzlippigen und wie bedröhnt wirkenden Rachegeister - Erinnyen - auftreten, sind wir vollends beim Rummelplatz-Grusel angekommen. Endloses Hall-Gewaber aus Lautsprechern verstärkt den Eindruck des Unausgegorenen. Athene als Stifterin einer transparenten Rechtsprechung ist zu guter Letzt mit blonder Fräuleinherrlichkeit im goldenen Scheinwerferlicht ebenfalls so ironisiert, dass nicht mehr klar wird, ob die Inszenierung luzide Vernunft eigentlich als Lösung ansieht.

Starke Bilde

Wesentlich überzeugender ist der erste Tragödienteil gelungen, der den Abend zusammen mit dem Gebärdenchor trotz allem lohnend macht. Hier werden deutliche Ideen und starke Bilder erzeugt.

Die Geschichte der Konflikte im Herrscherhaus wird kollektiv aus Sicht des Volkes erzählt. Dazu passt die heutige Sprache der Prosaübersetzung von Peter Stein. Griechische Wutbürger in gewickelten weißen Laken sprechen chorisch, säuseln, schmeicheln, geifern. Wer aus der durchweg überzeugend agierenden Gruppe sich eine der überdimensionalen weißen Gipsmasken aufsetzt, schlüpft zwischendurch in eine der Rollen und spricht deren Figurentext. Eine schöne Idee in antiker Tradition, weil die Maske (griechisch: Persona) die Individualität, die hier entsteht, ja optisch gleich wieder auslöscht. So entsteht ein vielfältiger Assoziationsraum zwischen Volk und Tradition, Familienmythos und Individualgeschichte, zwischen Wir und Ich.

Viele Premierenbesucher applaudierten in Gebärdensprache: Hände erhoben, die Handflächen hin und her gedreht.

Wieder am 17., 27.4., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.