Das Junge Theater Göttingen zeigt Kleists „Kohlhaas“

Ein Wutbürger im Lebenskarussell

Papierbahnen rund um die Wohnstube: Dirk Böther (Kohlhaas, von links), Agnes Giese (Herse) und Franziska Beate Reincke (Lisbeth). Foto:  Eulig

Göttingen. Auf der dunklen Bühne dreht sich ein Lebenskarussell, es ist das Lebenskarussell eines Mannes, der sich Michael Kohlhaas nennt. Ein aufrechter Mann, wie seine Frau vor der Kamera erzählt.

Die geöffneten, mit transparentem Papier umspannten Schiebetüren des sich drehenden Runds geben Einblicke frei auf ein Leben, das einst glücklich war. Wenn sie geschlossen sind, agieren die Personen dahinter wie im Scherenschnitt. Per Videoeinspielung flackert das Licht auf den Wänden, die Stadt Wittenberg ist in Brand gesetzt, Blut läuft über die Papierbahnen.

Das Karussell dreht sich weiter, man springt herunter, läuft umher, die Musik schwillt an, ein Chaos entsteht, Bürgerkampf gegen die Mächtigen, Selbstjustiz. Die Gerichtsverhandlung auf dem Bildschirm vollendet die Geschichte vom aufrechten Mann, der nur seine Pferde wieder haben will. Kohlhaas bezahlt seinen Rachefeldzug gegen den Staat, der ihm sein Recht verwehrte, mit dem Tod.

Hausherr Andreas Döring hat am Jungen Theater in Göttingen Heinrich von Kleists Novelle für die Bühne adaptiert und mit nur drei Schauspielern in eineinhalb Stunden in Szene gesetzt. Eine so kluge wie kraftvolle Inszenierung, die einmal mehr beweist, mit wie geringen Mitteln (Bühne: Döring/Axel Theune) ein Theaterabend gelingen kann, wenn zwanghafte Modernisierung durch Kreativität und künstlerische Fantasie ersetzt werden. Der Regisseur komprimiert den komplexen Prosastoff Kleists um Recht und Unrecht, Schuld und Sühne, wechselt mit harten Schnitten zwischen kurzen Spielsequenzen, Erzählerstimmen und Videoeinspielungen, schließlich gibt er auch die moralische Frage an das Publikum weiter: Wie hätten Sie gehandelt?

Am Anfang singen die drei Widerstandslieder und Protestsongs, sie lachen, sie trinken, heften Bittschreiben an die Obrigkeit ab. Der Pferdehändler Kohlhaas, seine Frau Lisbeth und ihr treuer Knecht Herse proben den Aufbruch. „Open your eyes, enough is enough,“ Dirk Böther stattet seinen Kohlhaas von Beginn an mit wuchtiger Wut aus (und nimmt sich damit im Laufe der 90 Minuten Modulation und Steigerungsfähigkeit), ein Mann, der sich nicht in die Riege der Ja-Sager einreihen will. Abgezockt, ausgetrickst von den Mächtigen, da muss man doch aufbegehren. Später bricht der Rebell wider Willen zusammen, schreit: „Es geht nicht um die Pferde.“ Franziska Beate Reincke gibt ihrer Lisbeth (nach spielerischen Anfangsschwierigkeiten) einen feinen Hauch Vorahnung mit, zögernd auf dem Weg, innehaltend.

Agnes Giese spielt den Herse wie in einen Rahmen gefasst, immer ergeben und doch immer ganz bei sich. Michael Kohlhaas, ein Wutbürger, ein Terrorist oder ein Mann, den wir gut verstehen in diesen unsicheren Zeiten? Stürmischer Applaus zur Premiere für ein ganz junges, ganz nahes Theater.

Wieder am 27.9, 3.10, 6.10 sowie 13. und 21.10., Kartentelefon: 0551/495015, www.junges-theater.de

Von Juliane Sattler

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