Wutorgie am Göttinger DT: Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“

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Sie geben den Flüchtlingen eine Stimme: Die Schauspieler des Deutschen Theaters Göttingen mit Felicitas Madl (auf dem Boden). 

Göttingen. Mit einem aktuelleren Stück hätte das Deutsche Theater Göttingen nicht in die Saison starten können: Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" ist das Stück zur Flüchtlingsdebatte.

Vor zwei Jahren war die wütende Elfriede Jelinek noch wütender als sonst. Im Mittelmeer waren gerade mehr als 300 afrikanische Flüchtlinge ertrunken. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin schrieb sich den Frust über die Festung Europa und die verfehlte EU-Flüchtlingspolitik in „Die Schutzbefohlenen“ von der Seele.

26 000 Wörter umfasst ihr Stück, mit dem Intendant Erich Sidler nun die neue Spielzeit am Deutschen Theater Göttingen (DT) eröffnete. Mittlerweile sterben die Menschen aus dem armen Süden nicht mehr nur im Mittelmeer, sondern auch in Lastwagen auf österreichischen Autobahnen, in Deutschland werden Flüchtlingsheime angezündet. „Die Schutzbefohlenen“ könnten aktueller nicht sein.

Jelinek bezieht sich mit ihrem Stück auf die 2500 Jahre alte griechische Flüchtlingstragödie „Die Schutzflehenden“ des Dichters Aischylos und gibt den Flüchtlingen im bildungsbürgerlichen Diskurstheater von heute eine Stimme, wobei das nicht ganz einfach ist. Im Schnitt prasseln 260 Wörter pro Minute auf die Zuschauer nieder. Das Stück ist eine 100 Minuten lange Wutorgie gegen den Verrat an unseren Werten und mit Sätzen, wie sie nur Jelinek schreiben kann. Etwa: „Wir steigen auf dieses Fundament der gemeinsamen Werte, wir wollen die Grundlage dieser Gesellschaft kennenlernen, bitte sagen Sie uns, wie wir zu dieser Grundlage kommen können, damit wir dann von dort aus auf das Fundament der Werte steigen können, bevor die noch auf uns draufsteigen.“ Puh.

Für das gesamte DT-Ensemble ist das eine Herkulesaufgabe, die die 23 Schauspieler mit Bravour bestehen. Es wird gebrüllt, geweint, getanzt und gelacht. Jeder hat mindestens einen großen Auftritt. 

Kostümbilderin Bettina Latscha hat die Schauspieler in graue Unterwäsche gesteckt und ihnen alberne Langhaarperücken übergestülpt. Zwischendurch ziehen sich die Flüchtlinge Kostüme und Pelzmäntel an und tanzen zu Pop und Bossa Nova. Da wird die Inszenierung zu selbstironischem Tanztheater (Choreografie: Valentí Rocamora i Torà).

Am eindrucksvollsten ist es, wenn der Flüchtlingschor die von Sidler mit Lampen minimalistisch gestaltete Bühne verlässt und über die Sitze bis in die dritte Zuschauerreihe klettert. Die angebliche Bedrohung durch die Fremden karikiert Jelinek auch mit Sätzen wie: „Und wenn sie erst mal da sind, liegen sie uns auf der Tasche.“

Bei der Premiere gab es freundlichen Beifall. Dass anders als bei der Inszenierung des Hamburger Thalia-Theaters keine echten Flüchtlinge auf der Bühne standen, ist kein Problem. In einem Stück über den rechtsextremistischen NSU wirken ja auch keine echten Nazis mit.

Trotzdem ist das Programmheft fast interessanter als das Stück. Dort berichtet Dramaturg Philip Hagmann von Syrern in Göttingen. Mit 50 anderen Menschen schipperten sie in einem Schlauchboot führungslos übers Mittelmeer. Sie erzählen von Schleppern, Müdigkeit und Gasthöfen an der serbisch-ungarischen Grenze, in denen man für 50 Dollar zehn Minuten auf einem Stuhl sitzen und für 350 Dollar drei Stunden in einem Bett schlafen kann. Wer das liest, wird so wütend wie Elfriede Jelinek.

Nächste Vorstellungen: 30. September, 12. und 27. Oktober. Deutsches Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten: 0551/4969-11. Das Staatstheater Kassel zeigt „Die Schutzbefohlenen“ in der Inszenierung von Philipp Rosendahl ab dem 16. Oktober als Fünf-Personen-Stück im Theater im Fridericianum (tif).

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