Yoel Gamzou und  Staatsorchester Kassel begeistern mit Mahler

Geht an die Grenzen: Dirigent Yoel Gamzou beim Kasseler Bußtagskonzert. Foto: Zgoll

Kassel. Routine ist der Tod der Musik. Und wenn sich jemand dem bloß routinierten Nachvollziehen einer Partitur verweigert, dann ist es Kassels Erster Kapellmeister Yoel Gamzou (27).

Gustav Mahlers sechste Sinfonie führte er beim Bußtagskonzert in der ausverkauften Kasseler Stadthalle in einer Weise auf, wie sie wohl kaum je erklungen ist.

Die Sechste, die ohnehin als eines der dunkelsten Werke der Sinfoniegeschichte gilt, wurde von Gamzou noch einmal extrem zugespitzt. Das begann mit dem äußerst rasanten Tempo, in dem das Marschthema des ersten Satzes davonstürmte. Auch das elegische zweite Thema ließ eine tiefe Unruhe spüren, die untergründig den ganzen Satz durchzog.

Es gibt viele Deutungsansätzen zu Mahlers 1906 uraufgeführtem Werk. Immer wieder wird es als ahnungsvolle Vorwegnahme künftiger Schrecknisse interpretiert – sowohl der Schicksalsschläge, die den Komponisten selbst ereilten, als auch der globalen Katastrophe zweier Weltkriege.

Durch Gamzous radikale Interpretation wurde man allerdings so intensiv in das musikalische Geschehen hineingezogen, dass solche letztlich nur Distanz schaffenden Deutungen gegenstandslos wurden.

Dass Mahler an die Grenzen des damals musikalisch Vorstellbaren ging, wurde deutlich durch die Intensität, mit der Gamzou die Perkussionsinstrumente die teils verfremdeten Klänge von Bläsern und von tiefen Streichern akzentuierte.

Am deutlichsten zeigte sich Gamzous künstlerische Eigenständigkeit jedoch in der extrem flexiblen Gestaltung der Tempi. Selbst im marschbetonten ersten Satz wurden unerwartete Ruhezonen eröffnet, wobei Mahlers durch Herdenglocken untermalte Naturidylle etwas Bedrohliches behielt.

Das unmittelbar folgende rasante Scherzo ließ Gamzou in den Übergängen zu den Trioteilen fast komplett zum Stillstand kommen – was hier jedoch zum Abriss statt zum Aufbau von Spannung führte.

Wie das schlicht-schöne Andante-Thema, das anfangs mit großer Diskretion gespielt wurde, am Ende des Satzes in ein schmerzvolles Orchestertutti mündete, war tief berührend.

Beim halbstündigen Finale, das mit seinen drei berühmten Hammerschlägen zum Inbegriff sinfonischer Tragik wurde, offenbarte eine extreme klangliche Schärfung die Brüchigkeit dieser Musik, die einen strahlenden Schluss zu erzwingen scheint, sich dann aber resignativ erschöpft. Ein Parforceritt Gamzous und eine Glanzleistung des in Bestform spielenden Staatsorchesters mit Joachim Pfannschmidt als überragendem Solohornisten.

Neben dieser Mahler-Wucht hatte es das Stück des rumänischen Komponisten Victor Nicoara (30) „Towards eternally changing distances“, das vorab als Uraufführung gespielt wurde, schwer. Immerhin wies der Zehnminüter interessante Orchesterfarben und im Zentrum ein stimmungsvolles Englischhornsolo auf.

„Ich bin völlig fertig“, war ein oft gehörter Satz nach diesem heftig beklatschten Konzert. Glückliche Erschöpfung bei allen Beteiligten.

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