Yoel Gamzou vervollständigte Mahlers zehnte Sinfonie

Gamzou vervollständigte Mahlers zehnte Sinfonie

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Yoel Gamzou (26), Erster Kapellmeister des Staatsorchesters Kassel, dirigiert in der Stadthalle Kassel die zehnte Sinfonie von Gustav Mahler (1910).

Kassel. Yoel Gamzous (26) Leben verlief anders als das der meisten jungen Leute. Seine Musikalität wurde sehr früh offenbar. An seinem siebten Geburtstag jedoch ereignete sich eine Art Wunder.

Er hörte Gustav Mahlers siebte Sinfonie - und wusste von diesem Moment an, dass Mahlers Musik sein Leben bestimmen würde. In den folgenden Jahren erschloss er sich nach und nach den musikalischen Kosmos Mahlers - und stieß dabei auch auf die unvollendete Zehnte. „Ich bin ein Bibliotheksmensch“, sagt Gamzou, inzwischen im Hauptberuf Dirigent, von sich, und als er im Alter von zwölf Jahren Mahlers Material zur Zehnten, die Faksimiles des Particells, in New York einsah, geschah wieder Außerordentliches. „Ich verstand innerhalb von Sekunden, welch ungeheure Bedeutung dieses Werk hat, es sprang mir in die Augen.“

Natürlich habe er anfangs nicht gedacht, diese Musik „zu Ende zu schreiben“, doch 2003, nach Jahren der Beschäftigung mit der Zehnten, habe er gespürt, „das diese Musik etwa von mir verlangt“. Er habe angefangen, etwas aufzuschreiben - und hatte bald eine Partiturseite fertig. Erst im Verlauf dieser Arbeit, die sich über Jahre zog, habe er gespürt, „dass die Realisation dieses Werks meine Berufung im Leben ist“. Damals beschäftigte er sich bewusst nicht mit anderen spielfähigen Fassungen, die Musikwissenschaftler seit den 1960ern angefertigt hatten. Anders als ihnen liegt Gamzou nicht an einer musikwissenschaftlichen Herangehensweise. Er will die Musik zum Klingen bringen, „ein Erlebnis anbieten“. Die Musik soll „Mahlerisch“ klingen, und dazu bedurfte es neben intensivem Quellenstudium auch des Moments der Intuition.

Ein Beispiel: Während der Musikwissenschaftler Cooke bei den letzten Takten der Zehnten Bläser einsetzt, war es Gamzou klar, dass dies nur von Streichern, ja nur solistisch gespielt werden durfte: „Das Intimste vertraut Mahler immer den Streichern an.“

Warum ausgerechnet die Zehnte? Heute ist Gamzou mehr denn je davon überzeugt, dass dieses Werk, wäre es fertig geschrieben worden, die Musikgeschichte hätte verändern können. An einem Punkt, da die Musik am Ende angelangt schien (und als Schönberg und andere einen Ausweg in der Atonalität suchten), habe Mahler eine Sprache gefunden, die ebenfalls über das alte System hinausgeht, die Verbindung zur Tradition und zur Tonalität aber nicht abreißt. Und dies, die Tonalität im umfassenden Sinne, sieht Gamzou als eine natürliche Grundlage, die Musik erst verstehbar macht.

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Viel ist über die Situation Mahlers während der Arbeit an der Zehnten spekuliert worden, seine Ehekrise, seine Herzkrankheit, seine Kurz-Analyse bei Sigmund Freud. Der Titel des dritten Satzes „Purgatorio“ (Fegefeuer) und Einträge wie „Für dich leben, für dich sterben - Almschi!!!“ scheinen den Zusammenhang zu bestätigen. Gamzou warnt jedoch vor Kurzschlüssen. Mahler gehe es in der Zehnten um „den Abschied von allem, das Ende der Welt“. Drei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kann die musikalische Apokalypse keine private sein. Nach schweren Kämpfen verklingt die Sinfonie in großer Reinheit - eine Botschaft an die Zukunft? Als Gamzou seine Version der Zehnten 2010 in Berlin mit dem International Mahler Orchestra uraufführte, reagierte die Musikwelt geradezu euphorisch. Nun führt er das Werk als Erster Kapellmeister mit dem Kasseler Staatsorchester auf - „und das bedeutet mir sehr, sehr viel“.

Zur Person

Yoel Gamzou (26) wurde in Tel Aviv geboren und lebte als Jugendlicher in den USA. Er besitzt die isrealische und die amerikanische Staatsangehörigkeit. Schon als Kind begann er, Cello zu spielen. Die Begegnung mit Gustav Mahlers Musik weckte in ihm den Wunsch, Dirigent zu werden. In Italien wurde er von Altmeister Carlo Maria Giulini als Schüler angenommen. Akademische Studien in Paris, London, und New York brach er ab. Mit 16 Jahren begann er mit dem Projekt, das ihm weltweit Anerkennung eintrug: der Vervollständigung von Gustav Mahlers unvollendeter zehnter Sinfonie. Gamzou hat 2006 das International Mahler Orchestra gegründet. 2011 dirigierte er in Kassel Mahlers Neunte - mit riesigem Erfolg. Seit dieser Spielzeit ist er Erster Kapellmeister am Staatstheater Kassel. Yoel Gamzou lebt in Berlin und Kassel und spielt in der Freizeit Fußball.

Von Werner Fritsch

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