Uraufführung von Katja Hensels Stück „Ins Weite schrumpfen“ im Kasseler Theater im Fridericianum

Zarte Menschenbilder vom Scheitern

Mit zärtlicher Heiterkeit: Hans-Werner Leupelt (Robert) und Irene Christ (Anka). Foto: Ketz

KASSEL. Daran ist er krank geworden. Am „Immer weiter, immer höher, immer schneller“. Robert, der Reisejournalist, drückt die Reset-Taste, will nicht mehr über ferne Welten und fremde Länder schreiben. Woran krankt der Mensch? Am Leerstand der Städte, der gnadenlosen Mobilität, fehlenden Wurzeln. „Schrumpfende Städte, das interessiert niemanden“, sagt der Chefredakteur. Auch Anka, Roberts Freundin, hat sich dem Immer-Weiter-Trip verschrieben. Robert in der Krise. Zum Schluss zieht er sich seine Mütze bis tief über die Augen, will nicht mehr da sein, nicht mehr sehen. Aussichtslos?

Vielleicht wäre es eine traurige, zutiefst deprimierende Geschichte mit einer klugen Analyse über das Menschsein in globalisierten Zeiten, hätte Katja Hensel nicht in ihr Stück „Ins Weite schrumpfen“, am Freitag im tif zur Uraufführung gebracht, Spuren der Hoffnung eingezogen. Das dritte Stück der 42-jährigen, talentierten Autorin erzählt Liebesgeschichten gegen das Schrumpfen in der Welt.

Die Welt ist ein Irrenhaus, aber wir gehen nicht daran zugrunde. Schließlich sind da Herr und Frau Montag als Gegenentwurf, ein Hausmeisterehepaar in einer leer stehenden Plattenbausiedlung. Robert besucht sie, Robert staunt. So viel Liebe im Alltagsgrau. Christina Weiser spielt Frau Montag im Hawaiikleidchen, den Putzmopp in der Hand, als anrührende Strahlefrau - ein Lächeln wie ein wärmendes Kaminfeuer. An ihrer Seite Frank Richartz als Hausmeister, der an das Leben glaubt, auch wenn es untergeht.

Im Bühnenbild von Larissa Hartmann, zwischen Regalwänden mit rollbaren Einzelmodulen, entwickelt Regiedebütantin Annett Hohlfeld ungewöhnlich exakt Menschenbilder vom Scheitern. Doch da ist so viel zärtliche Heiterkeit wie gnadenloser Witz in den Episoden und Bildfindungen, dass es das Publikum stets über die Schwere hinausträgt. Immer eine Handbreit über dem Boden agieren die Schauspieler zwischen Witz und Melancholie, Trauer und Sehnsucht.

Hans-Werner Leupelt spielt bravourös-minimalistisch Roberts Veränderung vom Erkennen über die Wut bis zum kathartischen Albtraum mit einer Vielzahl von Schattierungen. An seiner Seite gibt Irene Christ als Gast ihrer Anka souveränes Potenzial, als Karrierefrau auf dem Weg zum Du.

Christina Weiser und Frank Richartz spielen alle übrigen Rollen mit unglaublicher Wandlungsfähigkeit. Die smarte Stewardess, die von Robert ein Baby erwartet, Igor aus Minsk, der wie ein Kind über Deutschland staunt. Die supercoole Sekretärin, die neurotische Fitnesstrainerin, Glanzleistung der Christina Weiser. Klaas, der Optiker, vermisst die Hornhaut und damit die Welt. Wer nicht mehr fokussiert, kann sich nicht mehr anpassen. Pech.

Alles ist möglich, sagt Robert und küsst Anka. In dieses Stück sollte man gehen, um an das Gute im Menschen zu glauben. Stürmischer Applaus.

Nächste Termine: 23., 28.1., Karten: Tel. 0561/ 1094222

Von Juliane Sattler

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