Der chinesische Eröffnungsfilm „Tuan Yuan“ handelt von zerrissenen Familien

Der Zauber der Liebe

Aufbruch in eine neue Welt: Lu (Xu Caigen, Zweiter von rechts) und seine Geliebte Yu’e (Lisa Lu) bekommen neue Pässe. Foto: Berlinale

Berlin. Im Rohbau eines Hochhauses stehen zwei alte Menschen nah zusammen und träumen von junger Liebe. Baumaschinen lärmen, der Wind pfeift über die nackten Betonstreben hoch über Schanghai.

Doch sie sind versunken in der Erinnerung an ihre gemeinsame Vergangenheit. Wang Quan’ans Film „Tuan Yuan“, mit dem am Donnerstag die Berlinale eröffnet wurde, ist ein ganz unspektakulärer Start für die 60. Filmfestspiele - und wohl gerade deshalb ausgewählt von einem Festival, das den Anspruch formuliert, universell relevante Themen zu behandeln.

„Tuan Yuan“ heißt „getrennt zusammen“ - Wang Quan’an erzählt von einem Paar, das im chinesischen Bürgerkrieg auseinandergerissen wurde, Soldat Liu (Ling Feng) kämpfte gegen die Kommunisten, musste 1949 nach Taiwan fliehen und konnte über Jahrzehnte nicht aufs Festland zurück - so wie unzählige Menschen.

Familien, Paare zerbrachen durch staatliche Willkür. Erst nach 50 Jahren schreibt er an seine geliebte Yu’e (Lisa Lu). Deren solides neues Ehe- und Familienleben gerät in Gefahr.

Vom Zusammentreffen dieses früheren Liebespaares und der Zerrissenheit einer Frau zwischen zwei Männern, von der Entscheidung für die Liebe oder für die Familie handelt dieser poetisch-tiefgründige Film. In theaterartigen Einstellungen mit wenigen Schnitten erleben wir das Werben des Rückkehrers Liu, das Aufblühen der alten Yu’e und Toleranz und Verzicht ihres Mannes Lu (Xu Caigen).

Dazu kommt die junge Generation, die nicht einsieht, warum ihre Mutter auf einmal die Liebe vor die Pflichten stellen will. Es wird viel gegessen und gesungen bei Wang Quan’an. Und als Eindringling Liu für den krank gewordenen Rivalen Lu die Festtagssuppe „Buddha springt über die Mauer“ kocht, wendet sich das Blatt noch einmal.

Was passiert, wenn Menschen einen Anspruch auf ihr persönliches Glück entdecken? Wenn Getrenntes zusammenkommt und lang gehegte Träume plötzlich wahr werden? Im Gesicht der wunderbaren Hauptdarstellerin Lisa Lu spiegeln sich diese Fragen mit feiner Ausdruckskraft. Wenn die 83-Jährige beiden Männern mit ihren Essstäbchen Leckereien zusteckt, ist sie voller (natürlich asiatisch-diskreter) Hingabe - zärtlich hier, dankbar dort.

Doch der Aufbruch in eine moderne Welt mit mehr Freiheit ist auch mit Verlust verbunden. Auch davon erzählt „Tuan Yuan“, und wird manches Mal etwas pädagogisch aufdringlich. Das neue Appartement der Familie ist am Ende so seelenlos, dass die eigentlich modern leben wollenden Kinder dorthin nicht mehr gern zu Besuch kommen.

Ihre Eindrücke von der Berlinale schildert Bettina Fraschke auch über den Internetdienst Twitter als HNA_fra. Nachzulesen unter www.hna.de/kultur

Von Bettina Fraschke

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