Anti-Purist mit extremen Klängen: Stargeiger Nigel Kennedy in der Kasseler Stadthalle

Zaubertüte voller Stile

Klassik-Puristen packt das blanke Entsetzen: Nigel Kennedy spielte bei seinem Auftritt in Kassel Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in Heavy-Rock-Manier. Foto: Malmus

Kassel. Zur Begrüßung schäkert er mit Damen im Publikum: „Inge is my favorite name.“ Dann spielt er einige atmosphärische Töne auf der E-Geige. Doch gleich darauf lässt er es mit einer für Klassikhörer schockierenden Lautstärke krachen, während Sängerin Z-Star im roten Mantel über die Bühne hopst. Schon die ersten Aktionen versprechen einen bunten Abend: Am Samstag gastierte Nigel Kennedy vor 700 Zuhörern in der Kasseler Stadthalle.

Der britische Stargeiger mit dem punkigen Outfit ist ein Prügelknabe der Musikkritiker, die verschnupft feststellen, dass er sich nach den Stücken nicht verbeugt, sondern den Daumen nach oben reckt. Solchem Klassikdünkel hat der 54-Jährige eine ganze Menge an Spaß voraus. Eine an Stilen pralle Zaubertüte offeriert er in drei Stunden mit seinem Orchestra of Life.

Kennedy mag die Extreme. Er haut den Leuten einen brachialen Hendrix-Sound mittels E-Geige und Effektgeräten um die Ohren, betört aber auch mit zart Zwitscherndem auf dem dezent verstärkten akustischen Instrument. In den Eigenkompositionen aus seinem aktuellen Album „Four Elements“ kommt alles Mögliche vor: Treibende Riffs, jazzige Klangfelder und in der ruhigen Nummer „Air“ sogar asiatisch getönter Ethno-Pop.

20 Mitglieder sind im Orchestra of Life, darunter hübsche Streicherinnen, bei denen er die Gelegenheit zum Handkuss reichlich ausschöpft. Einmal setzt er sich ans Klavier und überlässt Konzertmeisterin Lizzie Ball das Violinsolo. Mit von der Partie sind drei Sängerinnen und ein Sänger - man hat schon prägnantere Vokalisten gehört.

Nach der Pause gibt es Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ auf eine Weise, die bei Puristen das blanke Entsetzen auslösen kann. Mit Schlagzeug, Background-Stimmen und anderen Neckereien frisieren die Musiker das barocke Viererpack auf. Kennedy selbst wechselt zwischen akustisch und elektrisch. In bester Heavy-Rock-Manier geht das Sommergewitter nieder.

Das Publikum jubelt über die unterhaltsame Vergegenwärtigung und das expressive Spiel des Stars. Der stellt seine Mitstreiter nochmals ausführlich vor. Dann verabschiedet er sich mit der Ballade „Fallen Forest“ ganz leise.

Von Georg Pepl

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