Eine ganze Generation wuchs mit einem Programm, das es leider längst nicht mehr gibt

ZDF-Weihnachtsserien: Dieses Fernsehen war ein Fest

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Held für die Zeit zwischen den Jahren: „Timm Thaler“ (Thomas Ohrner, 1979)

Ein Lieblingszitat des Schauspielers Hendrik Martz stammt von der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan, die sagte, dass das Fernsehen „aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht hat“. Martz hat mit dafür gesorgt, dass sich in den 80er-Jahren an den Weihnachtstagen und zwischen den Jahren die gesamte Familie vor der Glotze versammelte.

Am 25. Dezember 1984 war der damals 16-Jährige zum ersten Mal als „Patrik Pacard“ in der gleichnamigen ZDF-Weihnachtsserie zu sehen. An sechs Abenden fieberte die Nation mit Pacard. Es ging um Genmanipulationen, eine Formel, mit der man Tomaten auf Gletschern wachsen lassen kann, und Geheimdienste.

„Silas“ (Patrick Bach, 1981)

Seit 1979 und dem Debüt mit „Timm Thaler“ sendete das Zweite jedes Jahr eine Weihnachtsserie. Erst verkaufte Timm Thaler (Thomas Ohrner) sein Lachen an einen Bösen. 1981 verfolgte man die Abenteuer des Zirkusjungen „Silas“ (Patrik Bach), ehe sich Silvia Seidel  1987 als Nachwuchs-Ballerina „Anna“ in die Herzen tanzte. 13 Millionen Zuschauer schalteten damals ein. Das sind doppelt so viel wie heute bei „Wetten, dass ..?“

Die Generation Golf ist mit den Helden der ZDF-Weihnachtsserien aufgewachsen. Erfunden oder fürs Fernsehen als Drehbuchautor adaptiert hat die Geschichten meist Justus Pfaue. Das Wichtigste war für ihn das Weglassen: „Jede Geschichte musste in einem Satz erzählt werden können.“ Es ging um Gut und Böse sowie Moral, und oft führten die Serien an damals exotische Orte wie Lanzarote („Timm Thaler“) und Norwegen („Patrik Pacard“).

„Patrik Pacard“ (Hendrik Martz, 1984) mit seinen Filmeltern (Peter Bongartz sowie Gila von Weitershausen).

Bis zu 7,5 Millionen Mark („Jack Holborn“) ließ sich das ZDF seine Weihnachtsserien kosten. Als die Quoten sanken, wollten sich die Senderverantwortlichen das nicht mehr leisten. Mit „Anna“ war 1987 der Höhepunkt erreicht. Bis heute wurden 100.000 DVDs des Tanzdramas verkauft, dessen Fortsetzung ein Jahr später im Kino lief und dessen Hit „My Love Is a Tango“ von Guillermo Marchena es sogar auf Rang eins der Single-Charts schaffte. Die nachfolgenden Serien fanden immer weniger Publikum. An den letzten Weihnachtsmehrteiler „Frankie“ (1995) kann sich heute kein Mensch mehr erinnern.

Immer wieder wird das ZDF gefragt, ob es den alten Brauch nicht aufleben lassen wolle. Die Sehgewohnheiten hätten sich verändert, heißt es dann aus Mainz. Heute gibt es nicht mehr drei Sender, sondern mehrere Dutzend. Kaum einem Format gelingt es mehr, dass sich die Familie zum Halbkreis vor dem TV versammelt.

„Heute schauen die Kinder keine Weihnachtsserien mehr“, sagte der Schauspieler Martz dem „SZ-Magazin“, das ihn und andere Ex-Kinderdarsteller zum Gespräch lud. Alle waren über Nacht berühmt geworden, hatten bis zu 2000 Fanbriefe pro Tag bekommen, aber glücklich waren sie damit nicht unbedingt geworden.

Tanzte sich sogar ins Kino: Ballerina „Anna“ (Silvia Seidel, 1987)

Die Ex-Ballerina Silvia Seidel wurde auch dann noch auf „Anna“ angesprochen, als sie längst Boulevardtheater spielte. Sie litt unter Depressionen und nahm sich 2012 mit 42 das Leben. Martz, mit dem wir aufgewachsen sind, sagt: „Als Kinderdarsteller hat man nicht die Möglichkeit zu wachsen.“

„Timm Thaler“ wird ab dem 25. Dezember, 11.55 Uhr, bei ZDFneo wiederholt. 

Die Serien

1979: Timm Thaler (Hauptrolle: Thomas Ohrner)
1980: Madita (Jonna Liljendahl)
1981: Silas (Patrick Bach)
1982: Jack Holborn (Patrick Bach)
1983: Nesthäkchen (Kathrin Toboll, Anja Bayer)
1984: Patrik Pacard (Hendrik Martz)
1985: Oliver Maass (Josef Gröbmayr)
1986: Mino (Guido Cella)
1987: Anna (Silvia Seidel)
1988: Nonni und Manni (Garar Thór Cortes, Einar Örn Einarsson)
1989: Laura und Luis (Jan Andres, Coco Winkelmann)
1990: Ron und Tanja (Leandro Blanco, Alexandra Henkel)
1991: Marco - Über Meere und Berge (Umberto Caglini)
1992: Der lange Weg des Lukas B. (Zachary Bennet)
1993: Clara (Katja Studt)
1994: Stella Stellaris (Sissi Perlinger)
1995: Frankie (Norman Nitzel)

Das wurde aus den Darstellern

Thomas Ohrner  (48, "Timm Thaler): Machte als einziger Karriere. Nach einem Volontariat arbeitet er als TV- und Radiomoderator. Der vierfache Vater lebt in der Nähe von München.

Patrick Bach (45): Spielte in drei Serien ("Silas", Jack Holborn", "Anna"). Gastrollen im Vorabendprogramm, Synchronsprecher.

Hendrik Martz (45, "Patrik Pacard"): Spielte auch in " Die Wicherts von nebenan", machte Schauspielausbildung in New York. Arbeitet als Schauspiel- und Business-Coach.

Silvia Seidel ("Anna"): Die ehemalige Ballettschülerin spielte später Boulevardtheater. Nahm sich 2012 mit 42 das Leben.

Von Matthias Lohr

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