"Zehn Punkte nach Kassel": Musiker Shantel im Interview

Mit seinem Balkan-Pop wurde der Frankfurter Musiker Shantel zu „Deutschlands größtem Exportschlager“ („Prinz“). Er trat beim legendären Glastonbury-Festival in England auf und schrieb Filmmusik für Sasha Baron Cohen und Fatih Akin. Auf seinem neuen Album spielt der Multiinstrumentalist, der eigentlich Stefan Hantel heißt, einen dreckigen Garagen-Band-Sound. Wir sprachen mit dem 45-Jährigen vor seinem Auftritt am 19. November im Kasseler Musiktheater.

Sie geben unzählige Konzerte rund um den Globus. Haben Sie trotzdem noch Erinnerungen an Ihren letzten Auftritt in Kassel im vorigen Sommer?

Shantel: Das war beim Umsonst-und-draußen-Festival Mind the Gap des Schlachthofs im Nordstadtpark. Ich weiß noch, wie ich dem Taxifahrer am Bahnhof das Ziel nannte und der sagte: „Wie, da wollen Sie hin? Das kann ich Ihnen aber nicht empfehlen. Die Nordstadt ist unsere Problemzone.“ Auf dem Festival hatten wir dann eine großartige Zeit mit superinteressanten Menschen.

Sie schwärmen ja richtig.

Shantel: Für mich war das ein Highlight des Sommers. Gerade auch weil das Festival in einer kosmopolitischen Gegend stattfand. Ich finde es spannend, wenn es in der Stadt ein paar Ecken und Kanten gibt, die geheimnisvolle Soziotope darstellen. Bei uns in Frankfurt gibt es so was gar nicht mehr. Darum zehn Punkte nach Kassel. Da tut sich was.

Das werden die Kasseler gern hören - anders als die Osteuropäer, die zuletzt lesen mussten, dass Sie den Osten hassen. Dabei gelten Sie als „Meister des Balkan-Pop“.

Shantel: Ich trage den Osten in meiner Seele, aber aus der Liebe ist eine Hassliebe geworden. Die neue Musikkultur Osteuropas habe ich ein Stück weit miterfunden, weshalb ich im Westen zu einer Art Botschafter geworden bin. Bei Interviews mit Journalisten muss ich immer wieder feststellen, dass es hierzulande einen romantischen und verklärten Blick auf den angeblich unberührten Osten gibt. Der hat nichts mit der Realität zu tun.

Wieso?

Shantel: Viele osteuropäische Länder haben sich brachial rückwärts und nach rechts gewandt. In Ungarn gibt es mittlerweile einen starken Antisemitismus. Intellektuelle ziehen weg, weil sie das Klima nicht mehr ertragen. In Serbien bin ich am Rande eines Festivals in eine Massenschlägerei geraten, bei der sich die Menschen quasi totgeschlagen haben. Und in der Türkei wurde ich zwölf Stunden aus fadenscheinigen Gründen am Flughafen festgehalten. Das alles gibt mir zu denken.

Klingt Ihre neue CD auch deshalb anders als Ihre Erfolgsalben wie „Disco Partizani“?

Shantel: Nein, ich wollte einfach nicht noch einmal eine Idee wiederholen. Die beiden vorigen Alben waren Produzentenalben, die ich quasi am Bildschirm zusammengebastelt habe. Die neuen Lieder sollten organischer klingen. Ich wollte so viel wie möglich live aufnehmen - wie die Bands in den 60er- und 70er-Jahren.

Der geheime Topstar der Aufnahmen war angeblich ein altes analoges Mikrofon. Was ist so besonders an dem Teil?

Shantel: Das RCA 44 von AEA stammt aus den 40er-Jahren. Schon Frank Sinatra hat mit ihm aufgenommen. Man kann einerseits reinbrüllen, ohne dass die Aufnahme kaputt geht, andererseits kann man aber auch flüstern. Ich wollte mich in meinen Möglichkeiten beschränken. Digital kann man alles korrigieren und jede Ecke und Kante glatt bügeln. Dann spielt man einen Song einmal ein und bearbeitet ihn anschließend, bis er perfekt ist. Wir haben ein Stück stattdessen nun bis zu 30-mal eingespielt.

Das ist eine Menge Arbeit.

Shantel: Aber es ist der gesündere Weg. Ich muss das Programm auf der Bühne sowieso live spielen. Wenn man es im Studio nur irgendwie hinbiegt, wird man das auch auf der Bühne hören.

Das passt zu dem kritischen Lebensgefühl, mit dem Sie konservative Rock- und Pop-Klischees auf den Kopf stellen wollen. Sie sagen zum Beispiel: „Ein Diamant gibt mir nichts, nur in einem Misthaufen gedeihen wundersame Geschöpfe.“

Shantel: Ein Popstar muss heute nicht mehr viele Platten verkaufen, sondern flächendeckend zu vermarkten sein - ob in einer Castingshow oder mit einer Modestrecke. Am besten macht er noch eine Haartrockner-Kollektion und ein Parfum. So entmystifiziert man sich völlig. Man ist nur noch ein Produkt, das sich kaum mehr vom Kühlschrankhersteller unterscheidet. Für mich ist das völlig langweilig. Ein Künstler braucht auch Brüche und Widersprüche, die nicht sofort vermarktbar sind.

Shantel: Anarchy & Romance (Essay Recordings).

Wertung: vier von fünf Sternen

Shantel spielt mit seinem Bucovina Club Orkestar am 19. November, 20 Uhr, im Kasseler Musiktheater, Angersbachstraße 10. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Zur Person

Geboren: am 2. März 1968 in Mannheim als Stefan Hantel und nicht, wie bei Wikipedia steht, am 1. Januar 1968 in Frankfurt. Der Musiker hat den Eintrag bereits mehrmals korrigieren lassen - kurze Zeit später stand es wieder falsch im Netz. Nun bekommt Shantel zweimal im Jahr Geburtstagsglückwünsche. Ausbildung: Kunst-, Grafikdesign- und Soziologie-Studium in Frankfurt und Paris. Beruf: Musiker, Produzent, DJ Wichtigstes Album: „Disko Partizani“ (2007), das dem Balkan-Pop auch hierzulande zum Durchbruch verhalf. Privates: Hantel lebt in Frankfurt. Über sein Privatleben verrät er nichts.

Von Matthias Lohr

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