Bettina Erasmys neues Stück „Chapters“ als Uraufführung auf der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters

Zeit, Ort und Handlung aus den Fugen

Spielen bis zur Erschöpfung: Alina Rank (von links), Aljoscha Langel, Jürgen Wink, Caroline Dietrich und Artur Spannagel in verschiedenen Rollen. Foto: Klinger

KASSEl. „Wat is die Welt schön!“ Wirklich? Als das Stück „Chapters“ vorüber war, wäre man nicht notwendig auf diesen Ausspruch gekommen, der irgendwann in den anderthalb Stunden fällt.

Am 27. Mai wurde Bettina Erasmys neues Kammerstück bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen in der Inszenierung des Staatstheaters Kassel uraufgeführt. Die Kasseler Premiere am Samstagabend auf der Studiobühne tif in Anwesenheit der Autorin fand langen Beifall.

Worum geht es? Das ist gar nicht so leicht zu sagen, und das soll es auch nicht. Hauptperson ist Maja, eine Frau, mehr Aussteigerin als Pennerin. Sie lebt auf einem hellblauen Sofa in einer Stadt, nachdem sie Mann und Kinder verlassen hat. Gelegentlich hat sie einen Liebhaber wie Walter, den Polizisten, dem sie sogar ein „Ave Maria“ vorsagt, was sie nicht daran hindert, ihn mit seiner Dienstwaffe umzubringen.

Warum? Man erfährt es nicht. Dieses zentrale Geschehen ist Thema des Stücks oder, vorsichtiger gesagt, Ausgangspunkt für vielfältige sprachlich punktgenaue, oft auch witzige Texte, von denen nicht einmal sicher ist, ob sie sich nicht allein in Majas Kopf abspielen. Dialog oder Gedankenstrom? Wahn oder Wahrheit? Die klassische Einheit von Zeit, Ort und Handlung ist aus den Fugen.

Sogar die Individualität, Unteilbarkeit im eigentlichen Wortsinn, gilt nicht, denn jeder der fünf Schauspieler (Caroline Dietrich, Alina Rank, Aljoscha Langel, Artur Spannagel, Jürgen Wink), die keine Rollennamen haben, kann Maja und jede der anderen Rollen spielen und sprechen. Gespielt wird in Schirin Khodadadians Inszenierung mit Hingabe und bis zur Erschöpfung.

Oft kippt das Sprechen in Schreien. Das Sofa ist mehr Hüpfburg als Ruhepunkt. Daniel Roskamp und Ariella Karatolou haben einen von roten Lichtröhren eingefassten Guckkasten gebaut, dessen Decke mit verschiedenen Lampen und Glanzpapiergirlanden überfüllt ist. Die Kostüme (Ulrike Obermüller) scheinen aus dem Altkleidercontainer zu stammen.

Durch die ausgefeilte Konstruktion der einzelnen Kapitel („Chapters“), die die Zuschauer vorsätzlich im Unklaren lassen und sich deutlich vom handelsüblichen Trashtheater abheben, erhält das Stück einen bemerkenswerten Kunstcharakter. Man kann sicher sein, dass es weitere Bühnen in ihr Programm aufnehmen werden.

Wieder am 9., 16.6., 1., 10.7., Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Johannes Mundry

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