Ein Zeitalter wird besichtigt: Das Musical „Ragtime“ am Staatstheater Kassel

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Noch in guten Zeiten: Alvin Le-Bass (Coalhouse Walker jr., Mitte) mit Dionne Wudu (Sarah, rechts) und dem Harlem-Ensemble.

Kassel. Wer am Samstag die Premiere des Musicals „Ragtime“ im Kasseler Opernhaus besuchte, dem wurde diese spannende Epoche nicht nur auf der Bühne vorgeführt.

Es ist der Ragtime, der alles zusammenhält. Diese leicht stolpernde, etwas schleppende Musik verbindet im New York des frühen 20. Jahrhunderts in ihren verschiedenen Ausprägungen die weiße Oberschicht mit der armen schwarzen Bevölkerung, sie erreicht aber ebenso die Einwanderer, die mit Schiffen aus Europa kommen. Der Ragtime wird zum Sinnbild einer Zeit.

Es war Stephen Flahertys Musik, die dem Publikum in die Glieder fuhr und sich in den Gehörgängen festsetzte. Selten ist der Rhythmus einer Zeit in einem Bühnenstück so unmittelbar präsent.

Die Geschichte

Eigentlich scheint es unmöglich, was sich Stephen Flaherty (Musik), Terrence McNally (Buch) und Lynn Ahrens (Songtexte) vornahmen: E . L. Doctorows komplexen Roman „Ragtime“ in ein Musical zu packen. In dem kommen vor: Eine arrivierte weiße Familie, die am Ende daran zerbricht, dass die Mutter eine schwarze Frau mit ihrem Kind aufnimmt. Ein schwarzer Musiker, der die von ihm verlassene Frau mit dem gemeinsamen Kind zurückholt – und dann, als ihm schlimmes Unrecht widerfährt, zum gewaltsamen Rebellen wird. Schließlich ein jüdischer Einwanderer mit seiner kleinen Tochter, dem es gelingt, Not und Armut zu entkommen und den amerikanischen Traum zu leben.

Dies alles wird verwoben mit Zeitgeschichte. Der Autobauer Henry Ford taucht ebenso auf wie der Finanzmagnat J. P. Morgan, der Entfesselungskünstler Harry Houdini, das Model Evelyn Nesbit, die Aktivistin Emma Goldman und andere mehr.

Die Inszenierung

Zu sehen ist in Kassel die Inszenierung der deutschen Erstaufführung, die 2015 am Staatstheater Braunschweig herauskam. Regisseur Philipp Kochheim gelingt es, die vielen Fäden dieser Erzählung so zusammenzubinden, dass eine tolle, mitreißende und gut nachvollziehbare Geschichte daraus wird. Den perfekten Rahmen bietet Thomas Grubers äußerst flexible Bühne, auf der in Sekundenschnelle ein Wohnzimmer entsteht, wo eben noch große Segelschiffe vorbeizogen. Zusammen mit den aufwändigen, zeittypischen Kostümen von Mathilde Grebot ergibt das ein lebensnahes, auch dekoratives Ambiente fürs zahlreiche Bühnenpersonal – neben 25 (!) namentlich genannten Darstellern der starke Opernchor, die Tänzer des wunderbaren Harlem-Ensembles (Choreografie: Kati Farkas) und zahlreiche Statisten.

Trügerisches Familienidyll: Monika Staszak (Mutter) und Mike Garling (Vater) mit dem schwarzen Baby.

Die Darsteller

Im Zentrum des Geschehens steht der schwarze Pianist Coalhouse Walker jr., dem Alvin Le-Bass nicht nur seine sehr prägnante Stimme verleiht, sondern dessen tragische Wandlung vom erfolgreichen Musiker zum verbitterten Rächer er auch mit großer Intensität verkörpert. Mit toller Präsenz und eindringlich gesungenen Balladen steht ihm Dionne Wudu als Geliebte Sarah nicht nach. Gleichfalls starke emotionale Akzente setzt Monika Staszak als Mutter, die im Lied „There was a time“ eine neue, emanzipatorische Zeit beschwört. Randy Diamond agiert als Einwanderer Tadeh ebenso anrührend wie Kristina Sofia Katsagiorgis als seine kleine Tochter.

Die Musik

Ragtime, Jazz, aber auch Klezmer, Cakewalk, Märsche und Balladen verbinden sich in dieser Musik, für die Kapellmeister Xin Tan und das Orchester ein mitreißendes Feeling entwickeln. Leider lässt die Tonqualität der gesprochenen Dialoge zu wünschen übrig.

Die Wirkung

Einen so komplexen Musicalabend erlebt man selten. Das Publikum im ausverkauften Opernhaus reagierte mit Jubel und Standing Ovations. Und obwohl das Stück ganz in der historischen Zeit spielt, bieten sich viele Anknüpfungspunkte, an die gegenwärtige problematische Entwicklung in den USA zu denken.

16 weitere Vorstellungen, die nächsten am 4. und 11.2. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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