Zeitgeist und Kulturgeschichte: Die Neue Galerie zeigt Plakatkunst

Kassel. Herausragende Beispiele dern 60-jährigen Geschichte der "Kasseler Schule" der Plakatgestaltung präsentiert die Neue Galerie in Kassel in der neuen Sonderausstellung.

Kassel. „Plakat Kunst Kassel“ – keiner dieser Begriffe im Titel der Sonderausstellung in der Neuen Galerie in Kassel habe Priorität, sagt Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, und keiner dürfe weggelassen werden.

Die MHK besitzt herausragende Beispiele der Kasseler Schule der Plakatgestaltung – Christiane Lukatis, Leiterin der grafischen Sammlung, hat daraus eine attraktive, spannende Ausstellung konzipiert, die Kultur- und Zeitgeschichte, spezifisch Kasseler Historie und Wegmarken des Grafikdesigns vereint.

An der Kasseler Werkakademie (später Hochschule für bildende Künste, dann Kunsthochschule) waren über sechs Jahrzehnte renommierte Professoren tätig, die Maßstäbe für die Plakatgestaltung setzten – angefangen mit Karl Oskar Blase (91), der „Legende der Plakatkunst“ (Küster), der Anfang der 50er die Werbung der Amerikahäuser prägte, zahlreiche documenta-Plakate schuf und als erster dem Staatstheater ein einheitliches Erscheinungsbild verschaffte.

Ein riesiges Kinoplakat des in Kassel gedrehten Spielfilms „Nachtschwester Ingeborg“ zeigt den schwülstig-pathetischen Kontext, in dem die Grafiker tätig waren – und begannen, zu vereinfachen und zuzuspitzen. „Die Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen, hat die Kasseler Schule ausgezeichnet“, sagt Lukatis – was an einer Fülle von Plakaten etwa für Modenschauen, Jugendbälle in der Kasseler Stadthalle, für Film, Theater und Museen abzulesen ist.

Bei Blase kam der Vorkriegsstil des Bauhauses wieder zu Ehren, Hans Hillmann (1925-2014), der für den Göttinger Filmverleih „Neue Filmkunst Walter Kirchner“ arbeitete, trieb die radikale Reduktion auf die Spitze. Sein Plakat für Godards „Week End“ zeigt allein im Schriftbild – verzerrt wie kurz vorm Zerreißen – die äußerste Anspannung, die den Experimentalfilm kennzeichnet. Alle Professoren hätten den Kollegen Wolfgang Schmidt (1929 - 1995) bewundert, berichtet Lukatis – bei Entwürfen wie für Fritz Langs „M – eine Stadt jagt einen Mörder“ versteht man, warum.

Plakatgestaltung liege oft zwischen Demagogie und Kunst, so Lukatis. Mit der 68er-Bewegung gab es subversiven Witz (wie in Plakaten für den jungen Galeristen René Block, später Leiter des Fridericianums) und scharfe Provokationen. „Gesinnungskunst“ zog in WG-Küchen ein. Gunter Rambows (78) Plakate für das Schauspiel Frankfurt stellten Theaterinszenierungen vor den Hintergrund von RAF-Terror und Hausbesetzungen.

„Es gibt zu jedem Plakat etwas zu erzählen“, sagt Lukatis. Oft ist das hilfreich, weil sich amüsante und irrwitzige Zeitgeist-Bezüge (wenn etwa 1956 „Atomkraft als Friedenskraft“ beschworen wird) nicht mehr ohne Weiteres erschließen. Klar machen muss man sich auch, dass die Exponate eben nicht am Computer entstanden sind, sondern auf aufwendigen Linolschnitten oder Fotomontagen beruhen.

Apropos: Die Designer Nicolaus Ott und Bernard Stein, die als letzte Plakatgestalter an der Kunsthochschule lehrten, sind inzwischen im Ruhestand. Ersetzt wurde ihre Professur durch „Game Design“. Diese Ausstellung zeigt: Eine Kasseler Ära ist beendet.

Service

„Plakat Kunst Kassel“ ist bis 5. März in der Neuen Galerie, Schöne Aussicht 1, zu sehen, geöffnet Di-So und Feiertage 10-17, Do 10-20 Uhr. Eintritt 6 (4) Euro, bis 18 J. und Studierende der Uni Kassel frei. Der Katalog (Imhof-Verlag) kostet im Museum 24,90 Euro. Umfangreiches Begleitprogramm, z.B. morgen, 10.15 Uhr, Kunstfrühstück, am 17.11., 18.30 Uhr, Art Cocktail, am 23.11., 12.30 Uhr Kunstpause. Filmreihe ab 4.12. im Bali-Kino. Alle Infos: www.museum-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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