Rebekka Kricheldorfs neues Theaterstück „Die Kunst der Selbstabschaffung“ wurde in Kassel uraufgeführt

Zeitgeist trifft Lakritzschnecke

Hochtouriger Spaß: Eva-Maria Keller (Ines, von links), Sabrina Ceesay (Fleur), Simon Mantei (Marcel), Jürgen Wink (Richard), Franz Josef Strohmeier (Valentin), Aljoscha Langel (Julian) und Anke Stedingk (Vanessa). Foto: Klinger

Richard: „Ist euch bewusst, dass ihr auch die kostbare Lebenszeit des Publikums auf dem Gewissen habt?“

Ines: „Ach, was würden die stattdessen schon tun? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die jetzt Momente von erhebender Intensität hätten, angefüllt mit Erkenntnis und Ekstase. Ach was. Schau sie dir an. Das hier ist doch das Beste, was die aus ihrem Abend machen können.“

Kassel. Theaterfiguren unterhalten sich darüber, wie das Publikum wohl das Stück findet, in dem sie gerade auftreten. Nur einer der Gags, die Rebekka Kricheldorf in ihrem neuen Stück „Die Kunst der Selbstabschaffung“ verarbeitet. Die ausverkaufte Uraufführung am tif beim Kasseler Staatstheater wurde am Sonntag ausgiebig beklatscht. Schirin Khodadadian inszeniert.

Kricheldorf siedelt ihr Werk in einer Kommune an, die von Althippie Richard (Jürgen Wink) geführt wird, der kaum ertragen kann, dass die Menschen keine Lust auf philosophische Diskurse („das emotionale Verhungern des Individuums im Turbokapitalismus“) haben und stattdessen „Geräte-Gespräche“ führen – über Konsumartikel. Hier wohnen ein Krankenhausclown, ein Medium, das Tote versteht, ein Leichendarsteller, ein Autor, der Bucherfolge in Blowjobs misst und Richards Sohn, der auf Selbstfindungstrip war. Es geht ums Älterwerden, Zerbröseln der Ideale, um den Konflikt der Generationen, der sich an einem jungen Paar manifestiert, das immerzu mit der Selbstoptimierung beschäftigt ist.

Unter dem Untertitel „Endlichkeits-Clowneske“ gibt es kaum engmaschige Handlungsstränge oder eine Figurenentwicklung. Das Stück wirkt vielmehr wie das fleischgewordene Abbild eines Notizbuchs: Hier hat jemand seine Sammlung von Zeitgeistbeobachtungen und „Was man immer schon mal unterbringen wollte“-Ideen genommen und dramatisch verarbeitet. Das ist streckenweise sehr witzig und natürlich – so ist Kricheldorf – ganz aktuell und auf den Punkt formuliert. Andere ihrer Werke sind aber stärker.

Ulrike Obermüller (Bühne und Kostüme) hat über einer gepolsterten runden Spielfläche Stühle und Sessel wie Schaukeln aufgehängt, ständig stolpert man auf dem engen Raum übereinander, Khodadadian betont das Clownhafte und schwelgt in Details wie einer aufklappbaren Plastikkrabbe, aus der man Lakritzschnecken nascht. Die Schauspieler Sabrina Ceesay, Simon Mantei, Aljoscha Langel, Anke Stedingk, Franz Josef Strohmeier, Eva-Maria Keller und allen voran Jürgen Wink verleihen ihren Figuren zu allen thesenhaften Formulierungen und zu allem Slapstick (man fordert sich zum Duell per Gummitwist) eine gute Portion Ernsthaftigkeit.

So stimmt die Bilanz, die Figur Marcel im Stück über das Stück anstellt: „Ab und zu entsteht ein unverhofft guter Moment, der schnell verfliegt, und plötzlich ist es, bumms, aus.“

Wieder am 19.2., 5., 14.3., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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