Zeitschrift „Kunstjahr“ geht mit d13 hart ins Gericht

Shinro Ohtakes Beitrag: Zu viele „Holz- und Hundehütten“ sah das Magazin während der d13 in der Karlsaue. Archivfotos: Malmus/Koch/Fischer

Die Zeitschrift, die Bilanz zieht“ lautet der Untertitel von „Kunstjahr“. 2012 steht natürlich die documenta im Mittelpunkt. Das Fazit des Magazins jedoch ist wenig schmeichelhaft.

Da wird „künstlerisches Mittelmaß“ und der „Hauch von Esoterik“ beklagt, der aus dem Versuch resultierte, die Komplexität von Politik und Ökonomie „im Sinne eines Gemeinschaftsgefühls zu vereinfachen“. Da wird die thematische Unverbindlichkeit beklagt, die „alles aufgabelt und nichts vertieft“ und sich im räumlichen Verwirrspiel des Kasseler Labyrinths gespiegelt habe. Wenn Karlheinz Schmid aber die überbordende Fülle („beliebiger Basar“) geißelt, Klarheit, Orientierung vermisst, muss er nur im eigenen Heft Sabine B. Vogels Beitrag über die Popularität weltweiter Biennalen lesen: In der globalisierten Kunst gebe es keine Verbindlichkeit, kein Zentrum, das Ordnung schaffen könnte. „Unser Wunsch nach Kategorien, nach Abgrenzungen und Überblick kann nicht mehr erfüllt werden.“ Deshalb die Extreme einer neuen Unübersichtlichkeit: Überforderung in Kassel, komplette Verweigerung bei der Berlin-Biennale.

„Kunstjahr“ beschäftigt sich mit Moden der Improvisation und des Recyclings, mit der Romantisierung des öffentlichen Protests. Alles d13-Themen. Ein Aufsatz beschreibt die Anziehungskraft von Religion und Kirche auf zeitgenössische Künstler. „Bisweilen, verkehrte Welt“, so wundert sich Jörg Restorff, entpuppe sich die Amtskirche als Bastion der Freiheit, „während eine Säule des Kunst-Establishments zum Bildersturm aufruft“. Nämlich in Kassel, wo d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev gegen Stephan Balkenhols „Nullachtfünfzehn-Typ mit ausgebreiteten Armen“ im St.-Elisabeth-Kirchturm protestierte.

Restorff sieht den Glauben der Kunst an die eigene Mission erschüttert, weshalb sie sich - in größter Beliebigkeit - neue Themen einverleibe. Die Kirche biete ihr Impulse, weil sie mit einer reichen Bildtradition aufwarte, sich mit Existenziellem befasse.

Restorff rät dem Vatikan, der 2013 erstmals einen Pavillon auf der Venedig-Biennale bespielen will, Gregor Schneider einzuladen. Dessen Schau in der Kasseler Karlskirche war auf Bitten der documenta-Leitung abgesagt worden („ein Skandal für sich“). Schneider gelinge es, „tiefgründige Dimensionen auszuloten und auf diese Weise in Bereiche vorzustoßen, die mit der Sphäre des Glaubens mannigfaltige Berührungspunkte aufweisen“.

Hintergrund

„Kunstjahr“ blickt auf ein Jahr Ausstellungs - und Auktionsgeschehen zurück, stellt Tendenzen und Protagonisten - Künstler, Kuratoren, Sammler - vor. Es gibt eine Chronik, die Rubrik „Unter aller Kanone“, Abstecher zu Design, Architektur und Mode (wo die Mars-Kollektion des Kasseler Kunstprofessors Björn Melhus gerühmt wird). Auf dem Cover ist - wie 2011 Ai Weiwei - der Künstler mit der umfangreichsten Medienresonanz abgebildet: Gerhard Richter, der seinen 80. Geburtstag feierte und mit einer Ausstellungstournee (London, Berlin, Paris) gewaltigen Publikumszuspruch erfuhr.

Kunstjahr 2012, Verlag Lindinger + Schmid, 320 Seiten, 50 Euro

Umfrage zur documenta

Auszüge aus einer „Kunstjahr“-Umfrage unter Museumsleitern:

• „Es war eine der interessantesten documenta-Präsentationen seit langem. Begabt mit einer hohen sinnlichen Intelligenz, die Kunstwerke nicht in ein starres theoretisches Konzept zwängt, sie aber durchaus mit politischer und gesellschaftlicher Reibehitze aufzuladen weiß.“ Stephan Berg, Kunstmuseum Bonn

• „Ungemein faszinierende Stationen“ sah Hermann Parzinger, Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „Selten haben Kunstwerke so eindrucksvoll erzählt.“

• „Komplett konfus, dominiert von Auftragsarbeiten und persönlichen Vorlieben der Kuratorin, daher irrelevant“, so Peter Weibel (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe). Eine Mischung aus „Abstellkammer, Andenkenladen, Antiquitätengeschäft, Kuriositätenkabinett, Sanatorium (...) idyllischem Picknick (...) Wegen ihrer Anspruchslosigkeit ideale sommerliche Touristenattraktion.“

• Hervorragendes sah Tayfun Belgin (Osthaus Museum Hagen) in Kassel: „Es gilt, den Mut zu haben, eine subjektive Kunstanschauung souverän in Szene zu setzen. Diese documenta wird weiterwirken.“

Von Mark-Christian von Busse

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