Uraufführung

Zerbrochen am Marktwert: „America First“ am DT in Göttingen

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Beobachtet sich selbst: Marilyn (vorne Gaia Vogel und rechts Angelika Fornell ) im Stück „America First“ bekommt Besuch von John F. Kennedy (Christoph Türkay, links) und Psychotherapeut Ralph Greenson (Volker Muthmann).

Göttingen. Das Deutsche Theater Göttingen (DT) zeigte in der Regie von Erich Sidler und mit Musik von „Magic Michael and his Marvelous Mates“ die Uraufführung des Stücks „America First“ von Christoph Klimke.

Zerrissen von Depressionen, Tablettenmissbrauch und Affären räkelt sich Marilyn auf ihrem rosa Rüschenbett für den Fotografen André de Dienes (Volker Muthmann). Marilyn (Angelika Fornell) ist überzeugt, mit operierter Nase, neuem Kinn und platinblondem Haar Amerikas berühmteste Schauspielerin zu werden. Ihre Schauspiellehrerin Natasha (Katharina Müller) insistiert, die Rolle der „hilflosen, schönen Frau ist dein Marktwert“. Am Samstag zeigte das Deutsche Theater Göttingen (DT) in der Regie von Erich Sidler und mit Musik von „Magic Michael and his Marvelous Mates“ die Uraufführung des Stücks „America First“ von Christoph Klimke.

Das grandiose Bühnenbild (Florian Barth) mit Blümchentapete im Laura-Ashley-Stil, einem Fenster zum Hof sowie Video-Einspielungen mit Szenen aus Marilyn Monroes Filmen führte zurück in die 50er. Damals begann die dunkelhaarige, als Norma Jeane Dougherty 1926 geborene, kurvige Schönheit ihre Weltkarriere, wurde Kunstprodukt, verlor sich selbst. Auf der Bühne erschienen zwei Versionen der Sex-Ikone, die junge Marilyn in weißen Bügelfalten-Shorts (Gaia Vogel) sowie die ältere im knappen roten Kleid. Das gleichzeitige Agieren der beiden Monroe-Exemplare stellte das Jetzt und Früher nebeneinander, wurde darüber hinaus zum Wechselspiel des kaputten Selbst der verzweifelten Marilyn. Komplizierte Rückblenden brauchte das Stück nicht. Obwohl sich Episode an Episode reihte, entstand Vielschichtigkeit.

Da erschienen der etwas schmierige Psychotherapeut Ralph Greenson (Volker Muthmann), Jacky Kennedy (Moritz Schulze) sowie ihre vier Schatten (Jana Steinfeld, Laura Apfel, Maren Röhrig, Wiebke Schäfer) in wunderbaren Schnitt-Kostümen (Bettina Latscha) mit Henkeltaschen in Lack. Dabei war natürlich auch der smarte Mr. President, John F. Kennedy (Christoph Türkay) sowie sein Bruder Bob (Roman Majewski). In Szene setzten sich zudem Richard Nixon (Volker Muthmann) mit langer Pinocchio- Nase, der Ex-Baseball-Spieler Joe Di Maggio (Roman Majewski) sowie der abgedrehte, alberne, menschenscheue Truman Capote (Moritz Schulze). Insgesamt siebzehn Songs und Tänze gaben dem Bühnenstück fast Musicalcharakter.

Besonders schön waren am Anfang die Lieder „Running Wild“ sowie „Some Like It Hot“ aus dem Film „Manche mögen’s heiß“ von Billy Wilder. Zum Schluss drehte das Stück in die Jetzt-Zeit: Ivanka Trump (Katharina Müller) kam im lila Reißverschlusskleid gerade von einer wichtigen Frauenkonferenz zurück und bekam viel Applaus für das fabelhafte Lied „I’m Gonna File My Claim“. Mit großartigen Masken (Requisite: Jörg C. Kachel) tanzten die Politikerfiguren, unter ihnen natürlich Donald Trump und Theresa May. Als frühe Inkarnation des Begriffs „America First“ erzählte Marilyn vom Flug der Kraniche, davon, dass nun jeder wisse, „was die Wahrheit ist“. Standing Ovations für die famose Inszenierung, das tolle Stück, das engagierte Ensemble, besonders für Angelika Fornell als Marilyn.

Musikalische Leitung: Michael Frei, Choreografie: Valenti Rocamora i Torà.

Nächste Vorstellungen: 8.12., 12.12., 20.12., 19.45 Uhr, Deutsches Theater Göttingen- Karten: 0551/4969300 oder im Internet: www.dt-goettingen.de

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