Zerbrochen vor Zorn: Der glänzende neue Roman von Philip Roth

Philip Roth Foto: picture-alliance

Ein Idyll ist dieses spießige Newark im Staat New Jersey nie gewesen. Auch im jüdischen Viertel Weequahic sind die langen heißen Sommertage von tödlicher Langeweile gezeichnet.

Philip Roth hat hier eine Reihe Romanhandlungen angesiedelt und wiederholt die jüdische Familie als Zuchtstätte des Neurotikers beschrieben. Auch in seinem Roman „Nemesis“ stellt er die gebrochene Biografie eines Nachfahren dieser jüdischen Einwanderer ins Zentrum.

Bucky Cantor, 23, ein Muskelpaket, aber Brillenträger und vom Dienst in der glorreichen Army ausgeschlossen, betreut als Sportlehrer mit Hingabe die Kinder der jüdischen Gemeinschaft. Sommer 1944, Deutschland scheint in den letzten Zügen zu liegen. Da bricht in Weequahic eine Polioepidemie aus, der immer mehr Kinder zum Opfer fallen.

Bucky Cantor steht vor der Entscheidung, sich davonzumachen, zu seiner Verlobten Marcia Steinberg zu flüchten, die weitab in einem Sommercamp als Lehrerin arbeitet. Cantor lässt „seine“ Kinder zurück, auch die Großmutter, bei der er aufgewachsen ist.

Es könnte zwischen Marcia und Bucky paradiesisch zugehen, wäre da nicht die Epidemie, die auch in das beschauliche Camp eindringt. Marcias beide Schwestern werden befallen - und auch Cantor. Zudem erhält er die Nachricht, dass einer seiner besten Freunde gefallen ist. Für den gutmütigen Bucky bricht eine Welt zusammen. Jetzt sitzt er im Rollstuhl, durch die Kinderlähmung verkrüppelt. Die Heirat mit Marcia will er nicht mehr. Er sieht sich als verantwortlich an für die Katastrophe.

30 Jahre später trifft er seinen ehemaligen Schüler Arnie, der sich als Ich-Erzähler erst nach 100 Seiten zu erkennen gibt. Von ihm erfahren wir, wie sich Bucky mit seinem Gott hadernd mühsam durchs Leben schlägt, wie er auf alles verzichtet hat, was ihn hätte weiterbringen können, wie er Marcia vor den Kopf gestoßen hat.

Die Gestalt des Bucky Cantor hat viel von einem Hiob, einem großen Dulder. Roth hat ihr ein schweres Päckchen geschultert, indem er ihr eine moralische Last aufhalst, unter der er zerbrechen muss. Das Bild der „Nemesis“ steht eben nicht nur für die antike Vorlage einer „Göttin des gerechten Zorns“. Sie ist auch diejenige, die „herzlos Liebende be-straft“.

Philip Roth ist auch ein politischer Autor, der das Drama oder die Komödie der Identität vor der Kulisse der Zeitgeschichte und kollektiver Konfliktherde aufführt. Die Polioepidemie hat es nicht gegeben. Das ist nicht entscheidend. Hinter der Gestalt des scheiternden Juden Bucky Cantor, dessen Aufrichtigkeit und Gutwilligkeit von „seinem“ Gott nicht belohnt wird, sucht Roth das Universelle, das sich im jüdisch-amerikanischen Schicksal verbirgt. Und dies in einer für Roths Verhältnisse eher schlichten, aber präzisen Sprache, die sich an der klassischen Short-Story orientiert. Auch dieser Roman bestätigt, dass Roth zu den wichtigsten zeitgenössischen Prosaisten überhaupt zählt.

Philip Roth: Nemesis. Hanser, 218 S., 18,90 Euro, Wertung: !!!!!*

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.