Kleists „Zerbrochner Krug“ am Deutschen Theater in Göttingen

Das zerscherbte System

Das sieht nicht gut aus: Dorfrichter Adam (Paul Wenning) klettert zerschunden aus einer Streugut-Kiste. Foto: Winarsch

Göttingen. Fast wäre er im Deutschen Theater in Göttingen davongekommen, der Dorfrichter Adam, der in Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ über sich selbst zu Gericht sitzen muss. Als die womöglich wichtigste Zeugin herbeigeholt wird, lässt er guten Niersteiner Wein und Limburger Käse auffahren. So will er den Gerichtsrat Walter, den Kontrolleur aus dem fernen Utrecht, wohlgesonnen stimmen. Die selbstgerechte, selbstgewisse Süffisanz steht dem von Paul Wenning beeindruckend verkörperten Adam besser als nur vorgetäuschte Zerknirschtheit.

Alkohol löst die Zunge, und als das Premierenpublikum nach dem Pausen-Sekt zurückkehrt (die Darsteller blieben auf der von Florian Barth eingerichteten Bühne), wird sogleich Party gemacht. Hoch die Tassen, getanzt, ein Lied angestimmt auf das schöne Huisum!

Antje Thoms konzentriert sich in ihrer fulminanten, amüsanten, am Samstagabend umjubelten Inszenierung weniger auf die bittere, tiefe Identitäts- und Vertrauenskrise, die einem jungen Paar die Sicherheit seiner Gefühle raubt: Die junge Eve (Paula Hans) wurde vom Richter bedrängt, sollte ihm zu Willen sein, dafür wollte er ihren Verlobten Ruprecht (Lars Koch) vom Kriegsdienst befreien. Der fühlt sich betrogen, die Mutter - Gaby Dey, großartig in Gummistiefeln und in gerechtem Zorn - sieht die Ehre der Tochter beschmutzt.

Thoms geht es darum, dass statt bloß einem Krug das ganze Rechtssystem „zerscherbt“ ist - und was die Gesellschaft daraus macht. Fassungs- und letztlich hilflos betrachtet Gerichtsrat Walter (Andreas Jeßing) die Zustände, am Ende will er nur, dass der Prozess aufhört, endlich Schluss ist. Die Dörfler können sich jederzeit in einen besinnungslos feiernden oder gewaltbereiten Mob verwandeln. Selbst der aufrechte Gerichtsschreiber Licht schielt bloß auf den Chefposten.

Als Kniff, den Blick auf die Gemeinschaft zu lenken, dient Thoms der „Sender Freies Huisum“ mit Live-Musik, Werbung und Boulevard-Meldungen (aus Kleists „Berliner Abendblättern“). Den „Dorffunk“-Mitarbeitern sind Korruption, Zeugenbeeinflussung und dergleichen ebenfalls schnuppe.

Als der Besuch des Gerichtsrats droht, lässt Adam als Erstes Würste und Wein wegbringen, mit denen er bestochen worden war. Begünstigung, Untreue, Vorteilsannahme - natürlich musste man immerzu an Christian Wulff denken. Kein Wunder, dass im Programmheft eine Passage seiner Interview-Rechtfertigung bei ARD und ZDF zu lesen ist: „Und trotzdem ist man Mensch, und man macht Fehler.“

Wie ein Mantra wiederholt Adam: „Es ist kein Grund, warum ein Richter, wenn er nicht auf dem Richtstuhl sitzt, soll gravitätisch wie ein Eisbär sein.“ Eine hochaktuelle Frage: Was wir von den Repräsentanten unserer Rechts- und Staatsordnung erwarten (dürfen), wird hier auf vergnügliche Weise verhandelt.

Wieder am 22.2., 9., 26., 29. März, 19.45 Uhr, www.dt-goettingen.de, Tel. 0551/4969-11

Von Mark-Christian von Busse

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