Neu im Kino: „I Killed My Mother“ von 20-jährigem Regisseur

Zorniger, am zornigsten

Erwachsen werden ist schwer: Hubert (Xavier Dolan). Foto:  Koolfilm

Hubert ekelt sich schon, wenn seine Mutter nur in ein Streichkäsebrötchen hineinbeißt. Dann hängen die Käsereste an ihrem Mundwinkel. Und vor lauter Ekel kann er den Blick nicht abwenden. Hubert ist 17 und muss sich oft ekeln. Oder schimpfen. Oder schreien. Oder Teller zertrümmern. Oder wegrennen. Er ist ein zorniger Teenager, der sich im familiären Abnabelungs- und gleichzeitig im Selbstfindungsprozess befindet.

Seine Mutter zu hassen, gehört nicht gerade zu den Top 5 der beliebtesten Smalltalk-Themen. Xavier Dolan nimmt sich den brisanten Stoff vor. Und wie. Der 20-Jährige hat den aufwühlenden kleinen Film „I Killed My Mother“ nach einem Drehbuch gedreht, das er selbst mit 17 verfasst hat. Die Hauptrolle spielt er selbst. Rotzig, wütend, mit plötzlich aufwallender Zärtlichkeit und „Ich liebe dich, ich liebe dich“-Ausbrüchen. Denn natürlich liebt dieser Hubert seine Mutter ja doch - auch wenn er ihre Zimmerdekoration scheußlich und ihre unbeirrt freundliche Art zum Die-Wände-hochgehen findet.

Der Frankokanadier Xavier Dolan schafft es, die ungebremste Energie des jugendlichen Zorns voll über die Leinwand zu bringen.

Dass das gut gelingt, liegt ebenso an seiner Gegenspielerin: Anne Dorval spielt Huberts Mutter Chantal schwankend zwischen stoischem Gleichmut, mütterlicher Nachsicht und ununterdrückbarer Wut. Wie sie ganz am Schluss richtig ausrastet - nicht ihrem Hubert, sondern dessen Internatsdirektor gegenüber - ist erschütternd.

Der Film zeigt ein paar Wochen im Leben Huberts - seine Homosexualität entdeckend mit dem Freund Antonin, beim Essen, in der Videothek, in der Schule. Alltagssituationen, die immer wieder zu Ausbrüchen führen. Außergewöhnlich stimmig sind Set-Design, Kostümsprache und Licht - dass der Film mit Minibudget erstellt wurde, ist hier überhaupt nicht zu sehen.

Dolan zeigt schließlich immer wieder Hubert, mit der Videokamera sich selbst filmend, in einer Art Tagebuch des Hasses. Hier keimt Huberts kreatives Talent auf, der Wunsch, die eigene Welt künstlerisch zu reflektieren - nicht die einzige Stelle, an der es im Film autobiografisch zugeht.

Dolan vergleicht „I Killed My Mother“ ohnehin mit einem Gemälde, nennt die Namen Jackson Pollock, Gustav Klimt und Henri Matisse. Filmisch will er zudem Wong Kar-Wai („In the mood for love“) würdigen. Unter solchen Topliga-Namen macht er es nicht. Der Erfolg des Erstlings auf vielen Festivals gibt ihm recht.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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