Premiere im tif: „Medeas Kinder“ in der Inszenierung von Patrick Schlösser

Zuletzt stirbt die Hoffnung

Nur scheinbar eine heile Familie: von links Peter Elter (Polyxenos), Thomas Sprekelsen (Jason), Birte Leest (Medea) und Alina Rank (Eriopis). Foto: Klinger

Kassel. Der Bühnenraum im tif ist so gut wie leer. Ein Haufen Kisten im Hintergrund erinnert entfernt an Särge. Oder - und das dürfte kein Zufall sein - an Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Die gescheiterte Hoffnung“ von 1823, auf dem zerklüftete, sich übereinandertürmende Eisplatten ein winziges Segelschiff zermalmen.

Eine starke Assoziation, die durch einfachste Mittel hervorgerufen wird und auf das Thema des Stücks vorausweist (Bühne und Kostüme: Valentina Crnkovic). Denn auch in „Medeas Kinder“, einer modernen Bearbeitung des Medea-Stoffs von Suzanne Osten und Per Lysander, stirbt die Hoffnung. In der Inszenierung von Patrick Schlösser, die am Freitag im tif Premiere feierte, stirbt sie zuletzt sogar dreimal! Kein Erbarmen also mit dem fünfjährigen Polyxenos, den Peter Elter mit bisweilen rührender Kindlichkeit verkörpert, und mit seiner älteren Schwester Eriopis, gespielt von Alina Rank als durchaus schon taffes neunjähriges Mädchen.

Die Eltern, Jason und Medea, sind heillos zerstritten. Jason hat sich in Korinth in die Königstochter Kreusa verliebt und will die Trennung von Medea. Thomas Sprekelsen gibt den Jason als schmierig arroganten Sack, während sich Birte Leest als Medea eindrucksvoll zwischen Glamour und Fassade, Hass, Hysterie und Verzweiflung bewegt.

Was Scheidung sei, fragt Polyxenos. „Nichts Schlimmes - so etwas wie Spucken“, antwortet seine hilflose Schwester, die gar nicht so cool ist, wie sie tut. Gespuckt wird viel: vor allem Worte, verletzende, entwürdigende Worte, wüste, kühl kalkulierte Hasstiraden, die unter die Gürtellinie zielen und direkt in die Herzen treffen.

Antik-moderne artifizielle Sprachverwirrung: Die ganze Kommunikation ist ein einziges Desaster. Das ist Scheidung. Die Gewalt der Worte wird wortgewaltig auf den Punkt gebracht. Einzig das von Marie-Claire Ludwig verkörperte Kindermädchen macht den Zirkus nicht mit, stellt sich - sympathisch pragmatisch und durchaus witzig - auf die Seite der Kinder. Sie heißt schlicht Anna und ist Mensch.

„Medeas Kinder“ ist für Kinder ab zehn ausgewiesen. Es ist wahrlich kein einfaches Stück. Diese Inszenierung ist sogar eine komplexe Herausforderung - wogegen nichts zu sagen ist. Höchste Konzentration ist bei den Dialogen gefordert, Abstraktionsvermögen und Einfühlung in den Mythos und seine moderne Verwandlung.

Angemessen scheint da eher ab 14 Jahren. Denn es muss auch viel imaginiert werden, etwa wenn aus den Kästen ein Fußballtor wird oder ein Kinderzimmer, wenn sie sich in eine Art Floß der Medusa verwandeln, auf dem die Kinder in blutrotes Licht getaucht ihre eigene Schlachtung erzählend albträumen. Bei Euripides werden die Kinder ja wirklich von Medea getötet.

Abweichend vom recht moralisierenden Ende bei Osten/Lysander haben sich Schlösser und Dramaturg Dieter Klinge für drei mögliche Schlussvari-anten entschieden. Nur geht es dann viel zu schnell, zu unvermittelt. Man fühlt sich überrumpelt und möchte dem Ensemble zurufen: Lasst euch doch Zeit! Und gebt sie euren jungen Zuschauern!

Wieder am 8.5. und 11.6. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Andreas Gebhardt

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