Grimm-Professor Rafik Schami denkt über Mündlichkeit und Schriftlichkeit nach

Die Zunge wird über die Ohren klug

Rafik Schami Foto: v. Dehn

Kassel. Er schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Märchen, aber sein wahres Metier ist das gesprochene Wort, die freie Rede. Rafik Schami (64), der aus Damaskus stammende und seit fast 40 Jahren in Deutschland lebende Schriftsteller, der in diesem Jahr die Grimm-Professur der Uni Kassel innehat, ist ein wortmächtiger, temperamentvoller Redner, der sein ausformuliertes Grundsatzreferat über die Erzählkunst immer wieder mit Einschüben und Anmerkungen unterbricht und diese mit weit ausholenden, markanten Gesten pointiert.

Schami hat viel nachgedacht über Sprache und Erzähltechniken, über Inhalte und Traditionen sowohl der christlich-aramäischen Minderheit in Syrien, wo er geboren wurde, als auch in Deutschland. Denn schon lange schreibt er auf Deutsch. Wie er ausführt und auch in seinem „Dorfplatz“-Seminar im Hörsaal der Kunsthochschule belegt, ist er selbst ein Beispiel für die Entwicklungslinie, die von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit führt.

Der Redner, der sein Publikum verführt, ist dem Augenblick verpflichtet, nicht der Nachwelt. Dass er ein guter Erzähler sein würde, war schon dem Damaszener Schuljungen klar, der Geschwister und Nachbarskinder mit seiner Fabulierkunst unterhielt. Das andere, die schriftliche Fixierung, kam später, und mit der Verknappung der Wissenschaftssprache kämpfte der promovierte Chemiker wie einst Don Quijote gegen die Windmühlenflügel. Was dazu führte, dass er sich schließlich von der Naturwissenschaft verabschiedete und freier Schriftsteller wurde.

Dieser Don Quijote ist überhaupt eine seiner Lieblingsfiguren der Literaturgeschichte, dauernd mischt er sich ein in die Debatte mit fiktiven Dialogen und Ratschlägen. Hier vermengen sich literaturwissenschaftliche Betrachtung und frei vagabundierende Poesie in einzigartiger Weise. Rafik Schami gelingt es, durchaus seriöse Einsichten über die Funktionsweisen von Sprache und Literatur so auf höchst unterhaltsame Weise zu präsentieren. Dazu gehört auch sein Plädoyer für das Zuhören, die „Schwesterkunst“ des Erzählens: „Die Zunge wird über die Ohren klug.“

Von Claudia v. Dehn

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