Interview: Hans-Christian Schmid über seinen Film, Kitsch und Kammerspiele

Was zurückkommt, bleibt

Eine nur vermeintlich intakte Familie: Das Ensemble von „Was bleibt“ mit (von links) Picco von Groote, Egon Merten, Sebastian Zimmler, Ernst Stötzner, Corinna Harfouch und Lars Eidinger. Foto: Pandora

Großes Lob gab es auf der Berlinale für das Familiendrama „Was bleibt“ von Hans-Christian Schmid mit Lars Eidinger und Caroline Harfouch in den Hauptrollen. Diese Woche kommt der Film in die Kinos. Ein Gespräch mit dem Regisseur.

Wie viel Persönliches von Ihnen steckt im Film?

Hans-Christian Schmid: Es steckt sicher etwas von mir und Drehbuchautor Bernd Lange darin, aber es ist nicht die autobiografische Geschichte unserer Eltern. Vielmehr handelt es sich um eine Verdichtung von vielem, was wir erlebt haben oder uns erzählt wurde. Relativ vertraut ist sicher vielen die Situation der Heimfahr-Wochenenden, auf die man sich eigentlich freut, die aber letztlich meist doch nicht ohne Konflikte bleiben.

Wie groß ist das Wagnis, einen Film als Kammerspiel zu inszenieren?

Schmid: Ein Kammerspiel ins Kino zu bringen, bedarf sicher einer gewissen Portion Mut, insbesondere von Seiten des Verleihs, weil diese Form nicht unbedingt als Publikumsmagnet gilt. Als Regisseur und Autor finde ich das Wagnis nicht sonderlich groß.

Sie haben Franka Potente, August Diehl oder Sandra Hüller entdeckt. Nun dürfte Sebastian Zimmler mit seinem Erstling zum Star avancieren - wie wird man zum Trüffelschwein?

Schmid: Es geht nicht darum, neue Talente zu entdecken, sondern um eine bestmögliche Besetzung. Die Suche nach Sebastian Zimmler hat sehr lange gedauert, weil diese Rolle schwer auszufüllen ist. Zum einen soll dieser Jakob ein souveräner Zahnarzt sein, zum anderen eine instabile, sensible Persönlichkeit voller Probleme.

Es gibt kein geheimes Notizbuch mit Schauspielernamen?

Schmid: Nein, mit Sicherheit nicht. Allerdings nehme ich die Besetzung sehr genau. Die und das Buch sind die tragenden Säulen für das Gelingen.

Welche Rolle spielt da noch der Regisseur?

Schmid: Keine große (lacht). Die Aufgabe lag bei „Was bleibt“ darin, dafür zu sorgen, dass die Schauspieler wie eine Familie aus einem Guss wirken. Das Ziel war, dass die Zuschauer völlig vergessen, dass es sich um Corinna Harfouch oder Lars Eidinger handelt, sie sollen nur Gitte und Marko wahrnehmen.

Wie intensiv fallen die Proben bei einem intimen Drama aus? Wie viel Raum lassen Sie fürs Improvisieren?

Schmid: Ich hätte mir intensivere Proben gewünscht, aber das scheiterte leider an der Terminnot, weil alle Schauspieler ihre Bühnenverpflichtungen hatten. Es ist wichtig, über die Figuren und ihre Haltung zu reden. Es hilft allen beim Dreh, wenn man weiß, dass die grundlegenden Fragen geklärt sind. Improvisieren kann helfen, den Szenen eine größere Glaubwürdigkeit zu verleihen. Aber insbesondere bei bestimmten Schlüsselszenen bin ich immer vorsichtig mit spontanen Ideen.

Die Mutter leidet an Depressionen. Wie weit verstehen Sie die Krankheit als Metapher?

Schmid: Wir haben lange überlegt, ob wir Gittes Krankheit benennen sollen. Jedoch nur zu zeigen, dass sie Tabletten nimmt, erschien uns zu beliebig. Der Film soll auch nicht den Leidensweg einer Manisch-Depressiven zeigen, sondern ein Bild dafür sein, dass Frauen oft den Kürzeren ziehen und ein unerfülltes Leben haben, spätestens wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Wie groß sind die Gefahren von Kitsch und Sentimentalität?

Schmid: Es ist immer die Frage, wie sehr man Leid ausstellt und es inszeniert. So zeigen wir Gitte bewusst erst ab jenem Moment, in dem sie sagt: „Ich bin wieder gesund“ - das mindert die Gefahr der Melodramatik. Wenn Lars nachts einsam im Wald sitzt und um seine Mutter trauert, geschieht das so abgewandt und im Dunkeln, dass ich auch das nicht als kitschig empfinde.

Was hat es mit dem Titel „Was bleibt“ auf sich?

Schmid: Der Titel ist frei und assoziativ. Zum einen entspricht er einem Zitat aus dem Film, wo es heißt: „Was man liebt, muss man loslassen. Wenn es zurückkommt, dann bleibt es.“ Zugleich wird sich diese Frage die Familie stellen. Was ist passiert an dem Wochenende? Was wird uns in nächster Zeit weiter beschäftigen? Was bleibt von Gitte? Ich hoffe, dass sich auch der Zuschauer mit diesen Fragen auseinandersetzt. Denn die wollte ich anstoßen, ohne die Antworten zu liefern.

Von Dieter Osswald

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