Zuschauen beim Untergang: Monitoring beim Dokfest

Inseln, die wieder im Meer versinken werden: Eine der aufgeschütteten Sandflächen des gescheiterten Investitionsprojekts „The World“ vor der Skyline von Dubai – ein Szenenbild aus der gleichnamigen Videoarbeit von Niklas Goldbach. Foto: Dokfest/nh

Kassel. Ortserfahrungen, reale und virtuelle Räume, das Verorten des eigenen Ichs - solche Themen dominieren in diesem Jahr die Medienkunstausstellung des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests Monitoring. Bis Sonntag sind an drei Standorten 16 Positionen zu sehen.

Die Vielfalt ist groß, die Künstler beschäftigen sich damit, wie Orte mit Klischees und Stereotypen aufgeladen werden, welche Geschichten sie erzählen, wie Räume im Medium Film wirken, wie sie unsere Welt widerspiegeln, erfahrbar machen. Wir haben beispielhaft Arbeiten ausgewählt, die besonders den Besuch lohnen.

„The World“ heißen vor Dubai im Meer aufgeschüttete Inseln, die zu Luxusimmobilien entwickelt werden sollten. Aus der Luft sollten sie wie die Erde aus Weltraum-Perspektive aussehen. Infolge der Finanzkrise scheiterte das gigantische Projekt, die leeren Sandbänke werden wieder verschwinden, die Investoren leer ausgehen.

Niklas Goldbach gelang es, auf den Inseln zu filmen. Er hat unwirkliche Bilder eingefangen. 13 Minuten lebensfeindliche Leere wie im All, ein Mensch ist ein einsamer Fremdkörper. Auch die Dubai-Skyline in der Ferne erinnert an die Hybris des Menschen, Projekte stemmen zu wollen, denen er womöglich nicht gewachsen ist. Wer sagt, dass nicht auch diese Glitzerwelt monströsen Reichtums untergehen wird? (Kunstverein)

Unwirklich scheinen auch die Bilder, die der Belgier Wim Catrysse in der kargen, staubigen, menschenleeren kuwaitischen Wüste in der Nähe eines Militärflughafens aufgenommen hat - wie aus einem Science-Fiction-Film. Faszinierend ist auch die Projektion von „Restricted Area“ (10 Minuten) auf zum Dreieck angeordneten Leinwänden im schwarzen Raum. (Südflügel)

Fühlen wir uns in künstlich geschaffenen, virtuellen Welten vielleicht inzwischen wohler als in der Realität? Oliver Husain aus Toronto bietet einen traumwandlerisch schwebenden Rundflug durch eine computergenerierte Welt an. Grundlage seiner fast elfminütigen Arbeit „Parade“ sind Verkaufsvideos, die für Eigentumswohnungen werben. Ganz leicht scheint hier das Leben, verführerisch elegant und perfekt. Die Kulisse für ein musterhaftes Leben. Und damit schon wieder beängstigend. Mit der artifiziellen Welt der „Tropical Islands“ in einem ehemaligen Luftschiff-Hangar in Brandenburg beschäftigt sich Elsa Fauconnet („Green Out“). In der eingefrorenen Kontrollwelt der Google-„Street Views“ (so der Titel) sucht Annie Berman nach Spuren echten Lebens. (Südflügel)

Eine fünfköpfige Offenbacher Künstlergruppe lädt in die „Geisterbahn“ ein - so der Titel ihrer bis zu siebenminütigen Fahrt mittels Virtual-Reality-Brille „Oculus Rift“. Die alte Jahrmarktsattraktion, nun in komplett ausgedachten Welten, mit stereoskopischer 360-Grad-Sicht.  (Galerie Coucou)

Service

Die Ausstellung Monitoring kann bis Sonntag an drei Standorten besichtigt werden:

• Kasseler Kunstverein im Fridericianum, Do/Fr/Sa 11-22 Uhr, So 11-19 Uhr.

• Kulturbahnhof (Südflügel und Stellwerk)

• Galerie Coucou, Elfbuchenstraße 20, jeweils Do/Fr/Sa 17-22 Uhr, So 17-20 Uhr.

Führungen mit Kuratorin Beatrix Goffin und Stefan Bast, Mitglied der Auswahlkommission: Freitag und Sonntag, 18 Uhr, Südflügel, Samstag 15 Uhr, Kunstverein. Eintritt und Führungen sind kostenfrei. (vbs)

Im Interim

Eine weitere Schau des Dokfests findet im Interim, einem Ausstellungsraum am Kulturbahnhof (Franz-Ulrich-Str. 16) statt - geöffnet bis Sonntag (Fr/Sa 15-22 Uhr, So 15-20 Uhr). Zum Thema und Titel der Schau „Counter-Histories/Counter-Stories/Gegengeschichte“ zeigen Studierende der Kasseler Kunsthochschule und der Haute école d’art et de design Genève (HEAD Genf) Arbeiten, die im regelmäßigen Austausch entstanden sind. Beteiligt sind 25 Künstler.

Von Mark-Christian von Busse

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