Neue Ausstellung in Schloss Wilhelmshöhe: Dialoge - Barocke Meisterwerke aus Darmstadt zu Gast in Kassel

Zwei Bilder sagen mehr als eins

Venezianer unter sich: Bilder der Rokokomaler Giuseppe Nogari („Die Musik und die Dichtkunst“, links) aus der Kasseler Sammlung und Jakopo Amigoni („Judith mit dem Haupt des Holofernes“, rechts) aus dem Landesmuseum Darmstadt) stehen sich in der Ausstellung „Dialoge“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe gegenüber. Foto:  Katalog

Kassel. „Dialoge - Barocke Meisterwerke aus Darmstadt zu Gast in Kassel“ - dieser Ausstellungstitel klingt nüchtern. Jedenfalls vermittelt er kaum den starken Erlebnisgehalt der grandiosen neuen Schau, die von heute an im Museum Schloss Wilhelmshöhe zu sehen ist.

Aus 70 Bildern des 16. bis 18. Jahrhunderts aus den Sammlungen des hessischen Landesmuseums Darmstadt (34) und der Museumslandschaft Hessen Kassel (36) haben die beiden Sammlungsleiter Justus Lange (Kassel) und Heidrun Ludwig (Darmstadt) eine Schau komponiert, die ihre Spannung aus der vergleichenden Gegenüberstellung von Bildern gleicher Maler oder Genres bezieht.

In der ersten von vier Abteilungen, „Künstlerdialoge“, trifft man auf Landschaftsbilder der niederländischen Malerdynastie Brueghel. Aus Darmstadt kommt eine ins Unendliche weisende „Landschaft mit Elster auf dem Galgen“ von Pieter Bruegel dem Älteren (1526-1569). Sein Sohn, Jan Brueghel d. Ä. (1568-1625), zeigt dagegen im Gemälde der Kasseler Sammlung „Feldwache in einer Waldlichtung“ eine Landschaft in Nahperspektive.

Dessen Sohn wiederum, Jan Brueghel d. J. (1601-1678), verbindet in seinem berühmten Bild „Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis“ (Kassel) beide Perspektiven. Hat man die drei Bilder nebeneinander im Blick, so erschließen sie sich viel intensiver als beim Betrachten lediglich eines Bildes.

So funktioniert diese Ausstellung auch in den übrigen Abteilungen, die mit „Menschbilder“, „Blick auf die Vergangenheit“ sowie „Nähe und Ferne“ überschrieben sind: Meisterliche Gemälde verraten ihre Idee und ihr Konzept durch die gezielte Gegenüberstellung mit anderen Bildern.

Zum Beispiel das um 1620 entstandene Stillleben von Georg Flegel „Frühstück“ (Darmstadt), dessen perfekte Feinmalerei förmlich ins Auge springt, wenn man daneben das weniger detailreiche „Stillleben mit zerteilter Artischocke, Erdbeeren und Kirschen“ von Osias Beert (Kassel) sieht.

Beim prachtvollen Monumentalgemälde „Orpheus unter den Tieren“ mit unzähligen Tierpaaren von Roelant Savery/ Nachfolger (nach 1640) aus der Kasseler Sammlung lockt der Vergleich mit einem frühen Bild gleichen Titels von Sayery (um 1601) aus Darmstadt.

Das Kasseler Bild war seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gezeigt worden. Und das ist ein Nebeneffekt der Schau: Bilder, die jahrelang in den Depots schlummerten, werden neu präsentiert, einige davon wurden eigens aus diesem Anlass restauriert. Die Museen erhoffen sich auch Anstöße für die Forschung. Denn bei einer Reihe von Gemälden ist die Autorschaft ungeklärt oder zweifelhaft.

Und eine weitere Hoffnung verbindet sich mit der Ausstellung: Dass diese erste Kooperation zweier hessischer Landesmuseen eine Fortsetzung findet. Die Museumschefs Bernd Küster (Kassel) und Theo Jülich (Darmstadt) haben jedenfalls bereits neue Ideen.

Die aktuelle Schau ist nicht auf die Räume der Sonderausstellung in der zweiten Etage beschränkt. Sie wird an mehreren Stellen in der Dauerausstellung fortgesetzt. Solche Gegenüberstellungen finden sich im Rubens-Raum und im Rembrandt-Raum. Spannend wird es auch bei den venezianischen Malern: Selbst Kunsthistoriker staunen über die stilistischen Ähnlichkeiten bei Jakopo Amigonis Bild „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ (Darmstadt) und dem Kasseler Gemälde von Giuseppe Nogari „Die Musik und die Dichtkunst“.

Gemäldegalerie Alte Meister, Museum Schloss Wilhelmshöhe. Bis 23. Oktober. Di bis So 10-17 Uhr, do bis 20 Uhr. www.museum-kassel.de

Von Werner Fritsch

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