Neuer Roman des Schweizers Martin Suter

Zwei Eigenbrötler suchen die Zeit

Der einleitende Satz im neuen Roman von Martin Suter „Die Zeit, die Zeit“ hat leitmotivischen Charakter: „Etwas war anders.“ In doppelter Bedeutung. Es betrifft nicht nur die Wahrnehmung des Protagonisten Peter Taler, sondern das Strickmuster des Buchs. Diesmal setzt Suter nicht primär auf eine flüssig erzählte, spannende „Geschichte“. Es geht erheblich kopflastiger zu. Gedankenspiele, keine arrangierten Effekte stehen im Vordergrund.

Der Buchhalter Taler beobachtet mit Argusaugen seine Nachbarschaft. Gärten, Hauseingänge, jedes Detail nimmt er besessen unter die Lupe. Auslöser dieses sonderbaren Verhaltens war der Tod seiner Frau Laura, die vor einem Jahr vor der Haustür erschossen worden ist. Es gibt weder Spuren noch Zeugenaussagen. Die Ermittler treten auf der Stelle. Taler, von Rachegelüsten angetrieben, ergreift selbst die Initiative und vernachlässigt mehr und mehr seinen Job.

Der Verlust eines geliebten Menschen, der zu völlig irrationalem Handeln führen kann, tiefe Trauer, die sich in Zorn und Bitternis verwandelt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung.

Der pensionierte Lehrer Knupp, der vor 20 Jahren seine Frau verloren hat, wie ein Eremit lebt und von Taler pedantisch beobachtet wird, kämpft auch mit Verlustschmerz. Irgendwann treffen die Protagonisten in Knupps Wohnung zusammen, und sie begeben sich auf eine philosophisch untermalte Gedankenreise, in deren Verlauf der betagte Ex-Lehrer bedeutungsschwer erklärt, dass er an der „Überlistung“ der Zeit arbeite. Dahinter verbirgt sich die wahnhafte Idee, einen Tag exakt rekonstruieren zu wollen, um dem Beweis näher zu kommen, dass Zeit eine Fiktion sei und nur durch Veränderungen vorgetäuscht werde.

Das ist also ein anderes Suter-Kaliber als bisher. Das überraschende Ende soll nicht vorweg genommen werden. Das Buch erinnert ein wenig an Friedrich Dürrenmatts Novelle „Der Auftrag“, die den rätselhaft klingenden Untertitel „Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ trägt und ebenfalls mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. Aber darin besteht der Reiz dieses tieftraurigen, aber doch versöhnlichen Romans um zwei liebenswerte, trauernde Witwer.

Martin Suter: Die Zeit, die Zeit. Diogenes, 296 S., 21,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Peter Mohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.