Zwei von der Gag-Tankstelle

Rick Kavanian und Henni Nachtsheim beim Baunataler Herbstpalast

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Genialer Parodist: Die Komiker Rick Kavanian  beim Auftritt in der Baunataler Stadthalle. 

Baunatal. Der schärfste Kritiker von Henni Nachtsheim ist der Chef der Tankstelle in seinem Wohnort Rödermark. Als der Komiker dort einmal tanken war, erklärte der Tankwart dem Kunden, was Comedy ist: „Wenn die Leute lachen, ist es gute Comedy, wenn sie nicht lachen, ist die Comedy scheiße.“

Nach dem Auftritt von Nachtsheim mit seinem Kollegen Rick Kavanian beim Baunataler Herbstpalast würde der Mann von der Zapfsäule womöglich sagen: „Erst war es scheiße, aber dann ist es doch noch gut geworden.“ In der mit 200 Besuchern gefüllten Stadthalle stellte die eine Hälfte des Duos Badesalz sein Buch „Dollbohrer“ vor, in dem 28 Klassiker der Weltliteratur neu erklärt werden. Denn die, so haben Darmstädter Archäologiestudenten bei Grabungen im Odenwald entdeckt, haben allesamt hessische Wurzeln.

Henni Nachtsheim beim Auftritt in der Baunataler Stadthalle. 

Das „Quidditch“-Spiel aus „Harry Potter“ etwa wurde auf einer Minigolfanlage in Frankfurt-Griesheim erfunden und heißt in Wahrheit „Ich krie dich“. Und der Sex-Roman „Feuchtgebiete“ hat mit einer eingefetteten Weihnachtsgans zu tun. Klingt das lustig? Eher nicht. Leser, die das Buch zu Ende geschafft haben, sollten mit dem Hessischen Verdienstorden ausgezeichnet werden.

Viel besser klingen die Geschichten auch nicht, wenn sie vorgelesen werden. Sie haben keine Fallhöhe, die Übertreibungen sind nicht groß genug und die Pointen zu platt. Das ändert sich erst nach der Pause und vor allem gegen Ende, als Nachtsheim und der begnadete Parodist Kavanian („Bullyparade“, „Keinohrhasen“) mehr improvisieren. Die beiden imitieren die Klitschko-Brüder und babbeln auf Berlinerisch, Französisch, Griechisch sowie in deutschtürkischem Kanak-Sprech, bis den Fans doch noch die Tränen kommen – nicht mehr aus Scham, sondern vor Lachen. Unterstützt werden sie dabei vom Stuttgarter Pianisten Martin Johnson.

Nacherzählen lässt sich das Ganze dennoch nicht. „Dollbohrer“ lebt von der dollen Rhetorik der beiden Komiker, die nebenbei die Zukunft des Lesens zeigen. Sie lesen nicht aus gedruckten Büchern, sondern von Tablet-Computern ab. Manchmal hätte man sich gewünscht, die moderne Technik wäre ausgefallen und die Zwei von der Gag-Tankstelle hätten einfach ein paar lustige Witze erzählt.

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