Zwei Paare im Dreh-Schwindel: Mozarts „Così fan tutte“ in Kassel

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Und nun? Nach dem Verführungsspiel sind Guglielmo (Stefan Zenkl, links) und Ferrando (Musa Nkuna) ebenso ratlos wie Dorabella (Maren Engelhardt, links) und Fiordiligi (Nina Bernsteiner).

Kassel. Irgendwo in einer italienischen Pension findet das Experiment statt. Zwei jungen Männern, die sich im Frühstücksraum der Liebe und Treue ihrer Verlobten rühmen, will der erfahrene ältere Freund Don Alfonso mittels einer Wette eine Lehre erteilen: Auch eure Frauen lassen sich verführen.

Oben im Schlafgemach hecheln die Damen noch die Vorzüge ihrer Geliebten durch. Im Verlaufe eines Tages aber wird jede Sicherheit zerbrochen sein. „Dramma giocoso“ nennt Wolfgang Amadeus Mozart seine Oper „Così fan tutte“ (So machen’s alle) auf ein Libretto von Lorenzo da Ponte. Lustig geht’s zu im ersten Akt, wenn die Männer unter großem Lamento vorgeben, in den Krieg zu ziehen, und sogleich als Albaner verkleidet zurückkehren, um die Braut des jeweils anderen anzubaggern.

Patrick Schlösser, Oberspielleiter des Kasseler Schauspiels, setzt das bei seiner ersten Opernregie am Staatstheater vergnüglich in Szene. Die Männer üben sich in Anmach-Posen, und als sie auf die erste Zurückweisung hin einen Gift-Doppelselbstmord simulieren, zieht die als Arzt verkleidete Zofe Despina (Ani Yorentz) die Lacher auf sich. Ihr „Magnetstein“ lässt Ferrando (Musa Nkuna) und Guglielmo (Stefan Zenkl) wie unter Strom zittern.

Entfesselt gesungen

Kaum einmal wird in einer Mozart-Oper so entfesselt gesungen wie in diesem Akt-Finale. Dem äußeren Aufruhr entspricht innere Panik. Keiner hat mehr festen Boden unter den Füßen - deshalb dreht sich die von Etienne Pluss gebaute Bühne im zweiten Akt unablässig.

Aus Spiel wird Ernst, nicht nur die Paare zerfallen, sondern auch die Geschlechtersolidarität löst sich auf. Die Figuren enthüllen ihren Charakter, doch für die Arien und Duette, in denen dies geschieht, findet Patrick Schlösser keine Bilder. Die Inszenierung wirkt hier statisch, die Personen tragen weiter ihre Posen vor sich her oder ergehen sich in Symbolik, etwa wenn die Bräute plötzlich Hochzeitsschleier tragen (Kostüme: Werner Fritz).

Die Tragik, dass am Anfang und am Schluss die „falschen“ Paare zusammen sind, dass nur das Verführungsspiel die Partner für einen Moment so zusammenführt, wie sie nach Mozarts Charakterisierung und vom Stimmfach her zusammengehören, bleibt ausgeblendet.

Die musikalische Energie, die hierdurch freigesetzt wird, erlebte das enthusiastisch applaudierende Premierenpublikum allerdings in Fülle. Nina Bernsteiner ließ als Fiordiligi in der Arie „Verzeih, Geliebter“ auf anrührende und stimm-technisch bravouröse Weise den inneren Konflikt deutlich werden, der sich dann im Duett mit Ferrando (Musa Nkuna mit schöner, klarer Tenorstimme) scheinbar auflöst.

Komödiantische Glanzlichter

Maren Engelhardt und Stefan Zenkl standen als sprunghafte Dorabella und als eitler Guglielmo diesem Paar stimmlich kaum nach. Komödiantische Glanzlichter setzte Ani Yorentz mit feinem Timbre als wandlungsfähige Despina, und Krzysztof Borysiewicz zog als Don Alfonso dezent die Fäden.

Ein schlanker, gleichwohl spannungsgeladener Mozartton kam aus dem Orchestergraben, wo Generalmusikdirektor Patrik Ringborg auch als Rezitativ-Begleiter am Hammerflügel Akzente setzte - unter anderem mit einem eingeschmuggelten „Tristan“-Zitat. Das Staatsorchester und auch der Opernchor musizierten unter Ringborgs Leitung akzentuiert und zeigten sich auf der Höhe eines zeitgemäßen Mozartstils.

Zweite Premiere mit komplett neuer Besetzung am 14.12., Kartentel.: 0561 / 1094-222.

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