Zwei Pärchen des Grauens: Tim Egloff inszeniert am Jungen Theater Göttingen „Herr Kolpert“ als Mordsspaß mit viel schwarzem Humor

Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Sarah Dreher (Constanze Passin, von links), Bastian Mole (Jan Reinartz), Ralf Droht (Dirk Böther) und Edith Mole (Elisabeth-Marie Leistikow) spielen Prominentenraten. Aber auch das kann den Abend nicht mehr retten. Foto:  Eulig

Göttingen. Am Ende können sich die Schauspieler kaum auf den Beinen halten. Als sie sich bei der umjubeltem Premiere von „Herr Kolpert“ mit Regisseur Tim Egloff den verdienten Applaus des Publikums abholen, rutschen sie immer wieder aus. Das Stück ist halt eine große Sauerei und die Bühne nach 85 Minuten mit allerlei Körperflüssigkeiten (oder was die Requisite als Ersatz dafür vorgesehen hat) überzogen. Trotzdem oder gerade deswegen ist David Gieselmanns Komödie ein Mordsspaß – im wahrsten Sinn des Wortes.

Seit der Premiere vor 13 Jahren wurde „Herr Kolpert“ in 24 Ländern nachgespielt. Die Ausgangssituation erinnert an Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“, das wenig später ein noch größerer Erfolg wurde: Zwei Paare treffen sich zu Hause, dann läuft alles aus dem Ruder.

Wie Michael Haneke in seinem Filmdrama „Funny Games“ erzählt Gieselmann von sinnloser Gewalt aus Langeweile in einer scheinbaren Idylle. Sarah Dreher (Constanze Passin) und Ralf Droht (Dirk Böther) haben Sarahs Arbeitskollegin Edith Mole (Elisabeth-Marie Leistikow) und ihren Mann Bastian (Jan Reinartz) eingeladen. Doch der Abend ist schon gelaufen, bevor er überhaupt begonnen hat.

Ralf und Sarah überraschen ihre Gäste mit der Nachricht, dass sie Herrn Kolpert ermordet haben, einen Kollegen der beiden Frauen aus der Verwaltung. Wenig später hört man ein Klopfen aus einer Holztruhe im Wohnzimmer. Es dauert eine Weile, bis klar wird, ob alles nur ein Witz oder die Situation todernst ist.

Die Pointen kann man schlecht nacherzählen, aber der Name des Gastgebers (Ralf Droht) steht symbolisch für Gieselmanns schwarzen Humor, der die Untiefen des flachen Witzes nicht scheut. Schon die Kostüme sind saulustig: Anke Niehammer hat den vorzüglichen Schauspielern einen Pärchen-Look des Grauens verpasst: die einen in Rot, die anderen in Blau. Zudem gibt es eine herrliche Verwechslungsfarce mit einem armen Pizzaboten (Gintas Jocius), der die falschen Gerichte bringt.

Im letzten Drittel wird die von Regisseur Egloff rasant erzählte Boulevardkomödie zu einer Art Splatterfilm. Herr Kolpert ist am Ende nicht der einzige Tote. Gewalt und Mord sind hier ein Ausweg aus der Langeweile einer abgestumpften Gesellschaft. Erst wenn das Blut spritzt, fühlt Edith überhaupt wieder etwas. „Ethik? Ich weiß gar nicht, was das ist“, sagt sie.

Anders als „Gott des Gemetzels“ fehlt „Herr Kolpert“ der intellektuelle Überbau. Macht aber gar nichts, solange man so viel lachen kann wie hier und dabei nicht ausrutscht.

Nächste Aufführungen heute, 20 Uhr, sowie am 7., 13., 28. und 31. Dezember. Karten unter 0551/495015.

www.junges-theater.de

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