Zwei Hamburger Ausstellungen zu Gerhard Richters unscharfen Gemälden

Zweifel an der Welt

Nicht nur das scharfe Bild im unscharfen finden: Gerhard Richter“ Motorboot“, 1965, Privatsammlung. Foto:  nh

Hamburg. Der aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelte Gerhard Richter äußerte 1962: „Vom Malen kann man nicht leben, man kann nur später davon reich werden.“ Als er das mit 30 Jahren sagte, schickte er sich an, mit verschwommen aussehenden Gemälden nach Fotovorlagen den künstlerischen Durchbruch zu erzielen. Heute ist er der international bestbezahlte deutsche Künstler. Er nahm an sechs documenten in Kassel teil: 1972, 1982, 1987, 1992, 1997 und 2007.

Zwei Hamburger Ausstellungen widmen sich seinem Schaffen. Das Bucerius-Kunst-Forum zeigt 50 Gemälde aus den 1960er- und 1980er-Jahren, die Richter nach Privatfotos sowie Bildvorlagen aus Zeitungen und Zeitschriften geschaffen hat. Laut Gastkurator Uwe M. Schneede zeichnen sie „das Bild einer Epoche“. Die zumeist schwarz-weißen Motive stammen aus unterschiedlichen Themenfeldern.

Auf bescheidene Verhältnisse verweist ein Gestell zum Trocknen von Wäsche („Faltbarer Wäschetrockner“, 1962). Auf Wohlleben deutet das Gemälde „Motorboot“ (1965). Wie eine verlockende Lichterscheinung wirkt Richters damalige Ehefrau: „Ema (Akt auf einer Treppe)“ (1966). In Lebensgröße eilt eine „Sekretärin“ (1964) an uns vorbei.

Auf einem kleinen Illustriertenfoto, das mit anderen Bildvorlagen Richters ausgelegt ist, entdecken wir diese Sekretärin wieder. Laut Bildunterschrift hatte sie etwas mit einem Mordfall zu tun. Aber Richter betont, dass ihn das bei der Bildauswahl nicht so sehr interessiert habe. Ihm gehe es grundsätzlich vor allem um die bildnerischen Qualitäten, um Ansehnlichkeit und Rätselhaftigkeit.

Ob das auch für das Gemälde „Herr Heyde“ (1965) gilt? Werner Heyde war während der Nazi-Zeit als Leiter der so genannten Euthanasie-Zentrale für die Ermordung zahlreicher Menschen mitverantwortlich.

Die Unschärfe als Ausdruck fundamentalen Erkenntniszweifels kennzeichnet auch die 15 Gemälde des Zyklus „18. Oktober 1977“. Den malte Richter unter Zuhilfenahme von Presse- und Polizeifotos elf Jahre nach dem Selbstmord der RAF-Häftlinge in Stuttgart-Stammheim. Richter: „Unschärfe ist ja auch ein bisschen wichtig für mich, weil ich’s eh nicht genau sehen kann und es nicht genau weiß.“

„Unscharf“ heißt denn auch die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Sie präsentiert 20 verschwommene Gemälde Richters aus allen Schaffensphasen, darunter Landschaftsgemälde und ein Seestück, Familienbilder sowie ein leuchtendes abstraktes Gemälde.

Hinzu treten 60 unscharfe Gemälde und Fotografien aus den letzten 30 Jahren von 23 weiteren Künstlern. Die Spielarten der Unschärfe sind vielfältig. Anna und Bernhard Blumes Fotosequenz „Küchenkoller“ (1985) ist eine komische Geschichte über fliegende Kartoffeln. Bill Jacobsons Aufnahmen (1995) erinnern mit ihren schemenhaft erkennbaren Gestalten an Geisterfotografie. Und was ist auf den beiden Gemälden (1995) Pablo Alonsos zu sehen? Möglicherweise ein stark verschwommener Totenschädel.

Doch Bernd Hüppauf mahnt im Katalog: „Es ist eine Banalisierung des unscharfen Bildes, es als Aufforderung zu lesen, in ihm das richtige, aber verborgene scharfe Bild zu finden. Der experimentierende Blick und ein vermutendes Verstehen durch Assoziation sind gefordert.“

Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. Bis 15.5. im Bucerius-Kunst-Forum, Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet in der Ausstellung 24,80 Euro, im Buchhandel 34,80 Euro.  Unscharf. Nach Gerhard Richter. Bis 22.5. in der Hamburger Kunsthalle, der Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag kostet in der Ausstellung 29,90 Euro, im Buchhandel ca. 35 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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