Sabine Grubers hervorragender Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht“

Zwischen allen Stühlen

Bergwelt und quirliges Rom: Sabine Gruber schildert gegensätzliche Welten im deutschsprachigen Südtirol (hier das Villnösstal) und in der Hauptstadt Italiens (hier die Spanische Treppe). Fotos:  dpa

Wer in der traumhaft schönen Bergwelt Südtirols Urlaub macht, bekommt in der Regel nichts mit von der wechselvollen, auch düsteren Geschichte des Landes. Ein Blick in die Bozener Tageszeitung „Dolomiten“ lässt vielleicht spüren, wie emotional manche südtirolerisch-italienische Befindlichkeiten debattiert werden. Aber dem Feriengast ist das fremd.

Die 1963 in Meran geborene, in Wien lebende Schriftstellerin Sabine Gruber nimmt sich dieses schwierigen Themas der zerrissenen Identität an. Sie beschreibt Menschen zwischen allen Stühlen, erzählt akribisch recherchierte Geschichte am berührenden Einzelfall, und sie verknüpft mehrere Zeitebenen geschickt und plausibel.

Clara Burger reist nach dem plötzlichen Tod ihrer Freundin Ines nach Rom, um deren Nachlass zu ordnen. Beide sind im fiktiven Südtiroler Dorf Stillbach aufgewachsen. Ines war 1978, im Sommer der Entführung des Politikers Aldo Moro und des Todes von Papst Paul VI., zum Jobben nach Rom gefahren - mit unerfreulichem Ende. Sie arbeitete als Zimmermädchen in einem Hotel, das von der strengen Emma Manente geleitet wird, eine Stillbacherin, die 1938 nach Rom gegangen war.

1944, während der deutschen Besatzung Roms nach Mussolinis Sturz, ist Emmas Verlobter Johann beim Partisanenattentat auf das Polizeiregiment „Bozen“ in der Via Rasella ums Leben gekommen. Am Tag darauf töteten die Deutschen zur Vergeltung in den Ardeatinischen Höhlen 335 Italiener. Der mitverantwortliche ehemalige SS-Hauptsturmführer Erich Priebke lebt noch 98-jährig im Hausarrest in Rom.

Emma wird vom Sohn des Hotelbesitzers schwanger, heiratet ihn, bleibt in Rom, einsam, voll Heimweh, weil sie von ihrer Familie verstoßen wird. Clara findet einen Roman, in dem Ines Emmas Geschichte aufgeschrieben hat. Sie lernt den Historiker und Fremdenführer Paul kennen, für den Ines 1978 schwärmte.

Warum sollen uns deprimierende Probleme Südtiroler Dienstmädchen in den 40ern interessieren? Das ist - neben der faszinierend verwobenen Konstruktion - das Erstaunliche: Die Protagonisten, obwohl keinesfalls nur Sympathieträger, lassen einen nicht los, ihre verwickelten Geschichten entwickeln unerhörte Sogwirkung. Armut im deutschfreundlichen Vorkriegssüdtirol, harsche Italianisierung, Demütigungen der „deutschen“ Mädchen, Brutalität der Nazi-Besatzung: Wie grausam Geschichte Biografien bestimmt, wie sich Menschen für Ideologien instrumentalisieren lassen - all das erzählt Gruber raffiniert, mit viel Feingefühl. Sabine Gruber: Stillbach oder Die Sehnsucht. Verlag C.H. Beck, 379 S., 19,95 Euro, Wer- tung: !!!!!

Von Mark-Christian von Busse

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