Zwischen Diva und Theken-Jenny: Ute Lemper beim Kasseler Jazzfrühling

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Sang sich durch ihre Lebensstationen: Ute Lemper (50) beim Gastspiel im Kasseler Opernhaus.

KASSEL. Von der fünften Reihe der Mittelloge im Kasseler Opernhaus aus gesehen ist Ute Lemper, zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand gemessen, gerade einmal fünf Zentimeter groß. Ihre Moderationen über die Geschichten aus der Welt waren zuweilen auf den hinteren Plätzen kaum zu verstehen.

Doch wenn Ute Lemper sang, ihre virtuos trainierte Stimme hochjagte und runterdimmte, wenn sie mal Trompete oder Geige war, dann schien es, als ob man in der ersten Reihe sitzen würde. Denn Ute Lemper ist pure Stimme, wie das Gastspiel beim Jazzfrühling des Kasseler Theaterstübchens zeigte.

Einst kehrte sie Deutschland den Rücken, fühlte sich missverstanden, von Kritikern verrissen. Die Sally Bowles aus dem „Cabaret“, die junge Münsteranerin Ute Lemper geht nach Paris und später nach New York, wo sie gefeiert wird. Jetzt, Jahrzehnte später, kehrt sie in ihr Heimatland zurück und findet ein begeistertes Publikum.

Denn Lemper, heute 50 Jahre alt, hat ihren eigenen Gesangsstil, eine eigenwillige Performance entwickelt. Im schwarzen, langen Glitzerkleid, begleitet von ihrem kongenialen Quartett, singt sie sich in fast 120 Minuten im ausverkauften Opernhaus durch ihre Lebensstationen, variiert in Anlehnung an den Programmtitel „Last Tango in Berlin“ allerlei Tango-Melancholien, flicht Brecht und Weill ein, Edith Piaf und Jacques Brel.

„Da gibt es viele Gemeinsamkeiten“, hat sie einmal gesagt, „die Verruchtheit und die dekadente Außenseiterwelt.“ Lemper nähert sich diesen unvergessenen Liedern mit dem ihr ganz eigenen Stil: Sie montiert die Songs auseinander, ein musikalischer Dekonstruktivismus. Sie verjazzt die Töne, jagt ihre Stimme hoch und runter, verleiht ihr Diven-Pathos und auch einen Theken-Jenny-Jargon.

Sie hängt die Lieder übergangslos aneinander, mischt und soult eigensinnig und eigenwillig, haucht, schluchzt und kratzt die Klangkaskaden heraus. Minutenlang.

Nach der Pause vertont Lemper im roten Kleid Liebesgedichte von Pablo Neruda und verwandelt sie in magische, wuchtige, irrationale Klänge. Dann steht sie auf der Bühne wie eine Schlangengöttin. Stürmischer Applaus des begeisterten Publikums, Zugaben und zum Schluss Autogramme.

Kasseler Jazzfrühling im Theaterstübchen, Jordanstraße 11: Samstag, 20 Uhr, Scratch. Sonntag, 19.30 Uhr: Joern and the Michaels. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Juliane Sattler

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