Zwischen Leben und Tod: „Mutters Courage“ von George Tabori in Kassel

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Erinnerungsarbeit: Sigrun Schneider-Kaethner (Mutter) und Thomas Bockelmann (Sohn). 

Kassel. Die dramatische Erzählung „Mutters Courage“ von George Tabori, die am Freitag als Zwei-Personen-Stück im ausverkauften Kasseler Theater in Fridericianum Premiere hatte, hat realen Hintergrund.

Nein, verbessert die Mutter, auf der Krempe des schwarzen Huts seien keine Wachsblumen gewesen. Trotz des Widerspruchs streicht der Sohn die Wachsblumen nicht aus dem Text. Beide arbeiten im Salon des Hauses am Manuskript der Geschichte über die Courage der Mutter, mit der sie der Deportation von Budapest nach Auschwitz entkam.  

Bei einem Halt des Transports an der ungarischen Grenze erklärt Frau Tabori einem SS-Offizier energisch, sie dürfe nicht verhaftet werden, da sie den Schutzausweis des Roten Kreuzes besitze, diesen aber leider nicht dabeihabe. Frappiert setzt der blauäugige Deutsche die Dame in die erste Klasse eines Zugs zurück nach Budapest. Am Ende des Tages spielt Frau Tabori Rommé mit ihren Freundinnen.

In der Geschichte über diese wahre Geschichte geht es um diesen Tag zwischen Leben und Tod. „Korrigier’ mich, wenn ich was Falsches sage“, bittet der Sohn, den Thomas Bockelmann bis hinein in die Fingerspitzen fabelhaft verkörpert, wohlerzogen, liebevoll gegenüber der Mutter. In der Rolle der Mutter brilliert Sigrun Schneider-Kaethner. Sie ist als Dame des gehobenen Bürgertums einen Millimeter lang blasiert, hat dabei Charme und Witz. Mutter und Sohn necken sich, vertraut und nett. Die Dialoge sind oft wunderbar ironisch, jedes Wort ist geschliffen. Mit großer Eleganz wechselt das Bühnenstück, das 1979 in einer Inszenierung von Tabori in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, in rasantem Tempo zwischen Erzählung und Darstellung.

Die Inszenierung von Donald Berkenhoff meistert die Rückblenden mit Bravour. Großartig die Szene am Bahnhof, die Aufregung, die Unruhe beim Abtransport der über 4000 Menschen, eindringlich die Enge im Viehwaggon, dargestellt einzig von Sigrun Schneider-Kaethner. Dazu passt die tolle Lichtführung, die Bühne (Pia Janssen) ist hier finster, nur ein Lichtstreifen quer über dem Gesicht der Schauspielerin ist zu sehen.

Das Stück wirkt wie aus der Zeit gefallen, schillert, nähert sich dem Grauen des Holocausts mit den Mitteln der Groteske, vielleicht um das Unaussprechliche zu überwinden.

Das Publikum schien nachdenklich. Viel Applaus, zunächst verhalten.

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