Literaturnobelpreisträger und streitbarer Intellektueller

Zwischen Poesie und Politik: Zum Tod von Günter Grass

+
Günter Grass

Was aus Liebe dem eigenen Land zugemutet ward, wurde als Nestbeschmutzung gelesen. Seitdem gelte ich als umstritten.“ Das sagte Günter Grass, der am Montag 87-jährig gestorben ist, 1999 in seiner Nobelpreis-Vorlesung in Stockholm.

Kein Schriftsteller der Nachkriegszeit hat auf vergleichbare Weise in seinen Büchern deutsche Geschichte sowie das gesellschaftliche Klima gespiegelt, damit provoziert und Abwehrreflexe ausgelöst, aber auch viel Zustimmung, ja weltweiten Ruhm erhalten. Wir würdigen die unterschiedlichen Facetten des Lebens und Werks von Günter Grass, des Schriftstellers wie des mahnenden Einmischers.

Lesen Sie auch: 

Schriftsteller Günter Grass ist tot

Das Günter-Grass-Haus in Lübeck ehrte am Montag auf seiner Webseite und in seinem Newsletter Grass mit einem seiner Gedichte:

„Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein

und mit neuesten Zähnen.

Wenn es dann kracht, wo ich liege,

kann vermutet werden:

Er ist das, immer noch er.“

DER SCHRIFTSTELLER

Die Schreibmaschine war seine Blechtrommel, sagte Regisseur Volker Schlöndorff über Günter Grass. Und spielte damit auf dessen berühmteste Romanfigur an: Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“, der sich mit seinem Instrument Aufsehen verschaffen konnte.

Bereits 1959 erschienen, sollte sie zu seinem wichtigsten Werk werden: Ein in Form eines Entwicklungsromans erzähltes, groteskes und derbes Spiegelbild des Kleinbürgertums. „Die Blechtrommel“ wurde Weltliteratur. Schillernde Hauptfigur ist der kleinwüchsige Oskar Matzerath aus einer kaschubischen Familie in Danzig, Grass verknüpft im expressionistischen Stil Einzelschicksal und Zeitgeschichte. 1999 erhielt er dafür den Literaturnobelpreis. Die Jury erklärte das Erscheinen des Romans zur Wiedergeburt des deutschen Romans des 20. Jahrhunderts.

Ein weiterer Roman von Günter Grass brachte es zu Ruhm durch seinen ersten Satz: „Ilsebill salzte nach“ wurde bei einem Wettbewerb von der Initiative deutsche Sprache zum schönsten deutschen Romanbeginn gekürt. So beginnt „Der Butt“ – und in den drei Worten klingt schon die ganze Gier und sogar der Absturz dieser Fischersfrau an. Grass schrieb große Epochenromane und Lyrik, beschäftigte sich literarisch mit der Aussöhnung mit dem Osten.

Und wurde immer wieder auch prominent kritisiert – allen voran von Marcel Reich-Ranicki, der in einer fulminanten „Spiegel“-Geschichte 1995 den Roman „Ein weites Feld“ zerriss – auch bildlich auf dem Titelblatt. Er schreibt Grass etwa: „Sie schildern ein Treffen mit Uwe Johnson. Sie schildern es wunderbar. Das kann keiner besser als Sie. Aber es sind nur fünf Seiten von 781.“

MAHNER MIT MAKELN

Kein Protest, keine Petition, die Günter Grass nicht unterschrieben hätte. Vom Elend in Kalkutta bis zur Wiedervereinigung, die er anfangs ablehnte und dann „hässlich“ fand: Der Schriftsteller war Inbegriff des streitbar-moralischen Intellektuellen, der sich kritisch, wenn nicht zornig zu Wort meldet – und manchmal verrennt. Selbst Gleichgesinnten und Kollegen ging Grass’ Furor mitunter auf die Nerven. Keine Woche ohne dessen „Hirtenbriefe“, notierte der Freund Max Frisch Anfang der 70er in seinem „Berliner Tagebuch“: „Der Ehrgeiz, in der Zeitung auf der ersten Seite (Politik) zu erscheinen“, „sein Israel und ICH“, „GERMANY’S GÜNTER GRASS“.

Für die bürgerliche Rechte war Grass als Moralapostel und „Willy wählen“-Wahlkämpfer der Brandt-SPD sowieso ein rotes Tuch. Überhaupt musste niemand einstecken wie Grass, der darauf mit Recht empfindlich und impulsiv reagierte.

Wer aber ständig belehrend den Finger hebt, muss auch wissen, dass einige Finger auf einen selbst zurückweisen. Die Fallhöhe war riesig, als Grass 2006 seine SS-Mitgliedschaft als Jugendlicher offenbarte. Die deutsche Öffentlichkeit fiel über ihn her, wie erneut 2012, als Grass „mit letzter Tinte“ und unhaltbaren Behauptungen die Atommacht Israel in missglückter Gedichtform als Gefahr für den Weltfrieden beschrieb. Nach alldem bleibt Grass ein Mahner nicht ohne Makel, und zuletzt hatten Grass’ Wortmeldungen beinahe etwas Tragisches. Bei einem Griechenland-Gedicht erweckte die „FAZ“ gar den Eindruck, es handele sich um eine „Titanic“-Satire.

Es passt jedenfalls, dass an seinem Todestag das PEN-Zentrum, dessen Ehrenpräsident Grass war, eine Resolution von über 1100 Autoren aus 26 Ländern für eine „menschenwürdige Asylpolitik“ an das Bundesinnenministerium überreichte. Die Not von Flüchtlingen trieb Grass bis zuletzt um. Der 87-Jährige – 1992 wegen der Asylpolitik aus der SPD ausgetreten – war der Erstunterzeichner des Aufrufs.

DER MENSCH

Aufgewachsen ist Grass „zwischen dem Heilgen Geist und Hitlers Bild“, wie er 1967 im Gedicht „Kleckerburg“ schreibt. Seine Eltern, ein Protestant und eine Katholikin, führen in Danzig einen Lebensmittelladen. Die Familie mit Schwester Waltraud besitzt nicht viel. Auch aus dieser Kindheit speist sich später sein Hunger, den er 2006 in „Beim Häuten der Zwiebel“ beschreibt: ein dreifacher Hunger nach Sex, Essen und Kunst.

Nach dem Krieg studiert er an der Kunstakademie Düsseldorf Grafik und Bildhauerei. Aber erst viel später wird er wieder zur Kunst finden und seine Bücher illustrieren, die im Göttinger Steidl-Verlag erscheinen.

Früh trampt Grass nach Italien und Frankreich, er spielt in einer Jazzband Waschbrett, kocht leidenschaftlich gern und liebt den Rotwein. Noch mehr liebt er die Frauen. Von sich selbst sagt er, er habe einen Mutterkomplex. Am Ende hat der Mann, der zweimal verheiratet war und Reich-Ranicki an einen „bulgarischen Handballtrainer“ erinnerte, sechs Kinder von drei Frauen.

Seine große Patchworkfamilie traf sich oft auf der dänischen Insel Møn. Grass lebte im Winter in Portugal und sonst in Behlendorf bei Lübeck, weil ihn die hügelige Landschaft an seine Heimatstadt Danzig erinnerte.

Dort ist der Mann, der sich immer für die deutsch-polnische Aussöhnung eingesetzt hat, seit 1993 Ehrenbürger. Nun wird man ihm dort auch ein Denkmal setzen. Dagegen hatte sich Grass stets gewehrt. Ein Asteroid ist bereits nach ihm benannt. Der Stern leuchtet auch nach seinem Tod.

Biografie

6. Oktober 1927: Günter Grass wird in Danzig geboren. Am 10. November 1944 wird er zur Waffen-SS einberufen. 1948-1952: Studium der Grafik und Bildhauerei, Kunstakademie Düsseldorf. 1954 heiratet Grass die Schweizer Ballettstudentin Anna Schwarz, das Paar lebt zeitweilig in Paris. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor. 1957 stößt Grass zur Gruppe 47, Welterfolg mit „Die Blechtrommel“ (1959). 1979 heiratet er in zweiter Ehe die Organistin Ute Grunert, die zwei Söhne hat. Grass ist Vater zweier nichtehelicher Töchter. 1982 tritt Grass in die SPD ein (1992 Austritt). 1995 erscheint sein letzter Roman „Ein weites Feld“, 1999 erhält Grass den Nobelpreis. Im autobiografischen Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ legt er 2006 seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS offen. 13. April 2015: Grass stirbt in Lübeck.

Wichtige Werke

„Die Blechtrommel“ (1959) bildet mit der Novelle „Katz und Maus“ (1961) und dem Roman „Hundejahre“ (1963) die sogenannte Danziger Trilogie. Weitere bedeutende Werke: die Novelle „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“, die Romane „Der Butt“ (1977), „Die Rättin“ (1986), die Erzählung „Das Treffen in Telgte“ (1979) sowie die Novelle „Im Krebsgang“ (2002). Zum Spätwerk gehört neben den Erinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel“ auch „Grimms Wörter“ (2010).

Von Mark-Christian von Busse, Bettina Fraschke und Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.