Zwischen Revue und Realität: Das Musical „Cabaret“ am DT Göttingen

Androgynes Wesen: Karl Miller als Conférencier umgeben von seinen Tänzerinnen (von links) Marie-Kristien Heger, Jacqueline Füllgrabe, Sarah Schermuly und Andrea Strube. Das Musical „Cabaret“ hatte am Samstag im Deutschen Theater in Göttingen Premiere. Foto: nh

Göttingen. Berlin im Jahr 1930: Im Cabaret ist das Leben wunderbar. Ein inszeniertes Feuerwerk, das umso lauter knallt, je ungewisser die Zukunft erscheint. Denn außerhalb der Theatermauern haben längst die Nationalsozialisten die Macht ergriffen.

Basierend auf einer Broadway-Produktion von 1966, hat am Samstagabend im ausverkauften Deutschen Theater (DT) in Göttingen das Musical „Cabaret“ seine Premiere gefeiert. Für die glamouröse Aufführung gab es lang anhaltenden Beifall und Szenenapplaus.

Cliff Bradshaw (Philip Hagmann), aufstrebender Schriftsteller aus Amerika, will sich vom pulsierenden, kosmopolitischen Leben in Berlin inspirieren lassen. Abtauchen kann er im Kit Kat Klub, deren burlesque Hauptattraktion Sally Bowles ihn in seinen Bann zieht (elektrisierend: Katharina Heyer). Das ungleiche Paar findet zueinander, träumt von einem selbsterfüllten Leben. Doch die Nationalsozialisten zerreißen das Glück. Cliff will mit Sally aus Deutschland fliehen, doch die sucht ihr Heil in der Welt des Kit Kat Klubs.

Blinkende Schriftzüge, eine sich drehende Bühne, gedimmtes rot-blaues Schummerlicht: Das DT wird zum Berliner Nachtclub (Bühnenbild: Eleonore Bircher). Das goldene Zeitalter erblüht – für die Dauer der zweieinhalbstündigen, zu keiner Minute langweiligen Aufführung.

Die Tänzerinnen versprühen charmant-anrüchige Erotik bei den Revue-Nummern „Mein Herr“ und „Willkommen, Bienvenue, Welcome“, die Intendant Mark Zurmühle eingewoben hat in eine tragisch-komische Inszenierung. Eine groteske Gala mit Witz und englisch-deutscher Wortgewandtheit im ersten und schauriger Melancholie im zweiten Teil.

Als androgynes, in Frauenschuhen über die Bühne stöckelndes Wesen füllt Karl Miller seine Rolle als Conférencier aus. Er versucht gar nicht erst, Joel Grey nachzueifern, der als mephistophelescher Conférencier in der „Cabaret“-Verfilmung von 1972 die Figur so sehr geprägt hat, sondern verpasst ihm einen eigenen, makabren und zugleich modebewussten Touch.

Bleich geschminkt, mit rotem Lippenstift und blauem Make-Up im Gesicht, dazu die rechte Haarhälfte zu einem männlichen Seitenscheitel gegegelt und die linke zu einer Lockenpracht geföhnt, versinnbildlicht Miller in seinem ausdrucksstarken Spiel die Zwiespältigkeit Berlins. Schein und Sein. Revue und Realität. Drinnen das bunte, laute, pulsierende Nachtleben. Draußen der braune Nazi-Sumpf, der sich auch durch heiße Tänze nicht austrocknen lässt.

Eingerahmt von überzeugend gesungenen und ansprechend choreografierten jazzigen Musiknummern, gespielt von der überzeugenden Liveband unter Leitung von Hans Kaul, ist dem DT mit „Cabaret“ eine große Musical-Nummer gelungen. Nächste Aufführungen: 21., 23. und 25. Dezember. Kartentelefon: 05 51/49 69 11 www.dt-goettingen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.