Patrick Schlösser inszeniert das documenta-Stück „Im tiefen Tal der Todeskralle“ am Kasseler tif

Zwischen Schlager und Wahn

Nachdenken über Kunst im plüschigen Salonambiente: Alexander Weise als Ben Grimmberger und Caroline Dietrich als Natalia Grimmberger. Foto: Matthias Jung

Kassel. Wie toll, wenn ein Theater so komische Schauspieler hat. Caroline Dietrich, Alexander Weise, Eva-Maria Keller, Uwe Steinbruch und Franz Josef Strohmeier sind es, die den zweistündigen documenta-Abend „Im tiefen Tal der Todeskralle“ im tif sehenswert machen. In präzise choreografierten Szenenminiaturen werfen sie einen Blick auf den Kunstbetrieb rund um Kuratoren und Marketing. Und zelebrieren mit großer Wonne einfach nur sinnlosen Spaß.

Die Stückvorlage des Berliner Kunsthistorikers Boris von Brauchitsch, die das Kasseler Staatstheater als Uraufführung zeigt, hat demgegenüber ihre schwachen Seiten. Es fehlt ein großer Spannungsbogen, sprachlich wird es oft arg banal. Die Handlung kreist um die documenta 2027, wo das Zwillingspaar Natalia und Ben Grimmberger (Caroline Dietrich und Alexander Weise) die kuratorische Verantwortung hat und eine Schau fast ohne Künstler plant - die versauen nur das schöne Konzept. Künstler-Import Sebastian Castro (Franz Josef Strohmeier, später auch als Attentäter Arian Ansary) soll Aushängeschild werden. Alles dreht sich um ein blaues Keramikei.

Medienfrau Tutti Schnorr (Eva-Maria Keller) und Organisator Linus Gollinger (Uwe Steinbruch) sind Urgesteine des Kasseler Ausstellungsbetriebs, die die Kuratoren mit Hintergrundinfos zur Schau versorgen. Diese didaktischen Einsprengsel, so hoch ihr kalkulierter Wiedererkennungswert für Kasseler sein mag (es gab bei der d 13 enge Hütten, ein Hund hat eine wichtige Rolle gespielt), sind untheatral, sprachlich nicht durchgeformt, sowie vielfach seicht und belanglos. So heißt es, es sei typisch für documenta-Leiter, „sich für etwas Besseres zu halten und nicht mit den Kulturverantwortlichen vor Ort zu kommunizieren“.

Regisseur Patrick Schlösser holt aus dem Gegebenen inszenatorisch das Maximale heraus, seine gekonnten Überzeichnungen, sein lustvolles Balancieren am Rande des Trashs erinnern an Herbert Fritschs legendäre Berliner Inszenierung „Die (s)panische Fliege“. Auch das plüschige Salon-Ambiente des 19. Jahrhunderts, die passenden Kostüme mit Kniebundhose, wallendem Seidenmantel und Smoking (Ausstattung: Miron Schmückle) sowie die Musik von Thorsten Drücker fügen sich gut ein.

So liegt der Fokus auf einzelnen, komischen Szenen. Eva-Maria Keller bringt als Tutti documenta und Hanuta in einen zwingenden Zusammenhang. Franz Josef Strohmeier wirkt als Attentäter Arian wie ein exotischer Märchenprinz. Uwe Steinbruch hat eine grantelige Reich-Ranicki-Szene als Alt-Künstler und verleiht seinem Gollinger eine unwiderstehliche Mischung aus Beflissenheit und Melancholie.

Immer wieder gab es am Premierenabend Szenenapplaus. Etwa wenn Caroline Dietrich in einem Einschub eine exaltierte Künstlerin mimt, die das Publikum gönnerhaft umarmt und im Turbotempo intellektuelle Wortkaskaden ausstößt: „Affirmative Faktizität in piktorialen Tropen visueller Alliteration rekonfigurieren.“ Ebenso großartig ist es, wie Alexander Weise zum Mary-Roos-Schlager „Aufrecht geh’n“ hinreißend grimassiert und eine Notizzettel-Abreiß-Performance hinlegt, die ihn zwischen Wahn und Ekstase schier zerreißt.

Wieder heute, 29.5., im tif, Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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