Berührende „Clavigo“-Premiere am Jungen Theater Göttingen

Seltene Glücksmomente: Marie (Felicity Grist) und Clavigo (Gintas Jocius) haben keine Zukunft. Foto: Eulig

Göttingen. Wenn schon Trennung, dann konsequent, und wenn Intimität, dann für alle. Regisseur Frank Abt inszeniert Johann Wolfgang von Goethes „Clavigo“ für das Junge Theater in Göttingen als dicht emotionales Trauerspiel, das keine Zuschauer, sondern Mitfühler generiert.

Das Publikum ist wesentlicher Bestandteil des Bühnenbildes (Michael Köpke), in dem es für eine Bühne im eigentlichen Sinne keinen Platz gibt. Der Saal wird durch zwei sich gegenüberstehende Publikumstribünen strukturiert. Zwischen ihnen bleibt ein Gang, der durch einen langen Holztisch unterteilt ist. Damit ist die Welt des Clavigo (Gintas Jocius) und seiner Marie (Felicity Grist) beinah komplett.

Es fehlt: das Publikum. Das verteilt sich nichts ahnend auf beiden Tribünen und kreiert eine Welt aus Männern und Frauen, eine gemeinsame Welt, die auch Clavigo und Marie zu Beginn teilen. Doch die Trennung ist unvermeidlich. Clavigos Freund Carlos (Dirk Böther) erzwingt sie konsequent und fordert die Zuschauer auf, die Tribünen nach Geschlechtern unterteilt zu besetzen. Damit sind Clavigos und Maries voneinander getrennte Sphären geschaffen. Sie selbst ordnen sich dieser Struktur unter und nehmen auf ihrer Seite Platz.

Der beruflich aufstrebende Clavigo hat also seine langjährige Liebe auf Anraten Carlos abgestreift. Beruflicher Erfolg und Liebe scheinen unvereinbar. Im Original will das Maries Bruder Beaumarchais nicht hinnehmen und stellt Clavigo zur Rede. Der kehrt zurück zu Marie, doch die erneute Liebe ist nicht von Dauer. Noch einmal weist Clavigo Marie nach einem Gespräch mit Carlos von sich – mit tödlicher Folge für beide.

Dieses Auf und Ab des Paars, die Trennungen, erneuten Annäherungen und Glücksmomente, werden als ständiges Pendeln zwischen den Sphären inszeniert. Klagt etwa Marie das Verhalten Clavigos an, spricht sie zu den weiblichen Zuschauern und bleibt auf ihrer Seite der Tribüne.

Die gemeinsamen, raren Momente der verspielten Liebe können nur auf dem schmalen Tisch im Zentrum ausgelebt werden – das einzige, eng begrenzte Miteinander, das den beiden geblieben ist. Der Zuschauer muss Partei beziehen und wird als solcher Teil eines faszinierenden Spiels, das er mal nur von hinten erahnen kann und das sich mal wenige Zentimeter vor seinem Auge vollzieht.

Um diese Intimität nicht zu stören, beschränkt sich das Stück auf die drei großartig verkörperten Hauptrollen. Die tief greifendste Transformation erfährt dadurch die Figur der Marie. Vom leidenden Fräulein, das sich seinem Schicksal ergibt, wird sie zur Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Sie ist es hier, die, verkleidet als Beaumarchais, Clavigo nach der Trennung selbst zu Wort stellt und sich ihre große Liebe zurückholt. Damit wird sie zum aktiven Gegenspieler des mächtigen Carlos und Clavigo zu deren Spielball. Begeisterter Applaus für eine fesselnd berührende Inszenierung.

Wieder am Mittwoch, 1. Juni, um 20 Uhr. Karten unter 05 51 / 49 50 15.

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