Nutzer von sozialen Netzwerken experimentieren mit Twitter in Aufführungen

Zwitschern im Theater

Mit Bildschirm im Saal: Am Berliner Schlossparktheater lief ein Twitter-Experiment. Foto:  nh

„Der Cellokasten ist abgestürzt und der Schlaftrunk beginnt zu wirken“. So liest sich eine Theatervorstellung in der Übermittlung per Twitter.

Oje, jetzt soll sie gekillt werden, traut sich jemand von den Ganoven?“

„Wieder feiert das Publikum absolut geniale verbale Kunstgriffe in dichter Folge“

„Das Stück ist fesselnd, man kann kaum schreiben“

Die Digitalisierung des Theatersaals ist derzeit Thema in der Schauspielszene und bei jenen Smartphone-Nutzern, für die der Second Screen (das Kommunizieren über mehrere Medienkanäle gleichzeitig) immer selbstverständlicher wird. Die letzte große analoge Kunst - das Theater - steht dabei nun auf dem Prüfstand. Eignen sich Theateraufführungen, um be-twittert zu werden? Was sind Gewinn und Risiko, wenn das Theater sich für die Netzkommunikation öffnet?

Diskusion auf Facebook

Twitter und Theater - passt das zusammen?

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Das Schlossparktheater in Berlin hat sich für eine Vorführung zur Verfügung gestellt, das Internetportal Livekritik.de hat zum Ausprobieren und zur Debatte über das Theater-Twittern aufgerufen. 50 Online-Enthusiasten zwitscherten 350 Tweets bei einer Aufführung der Ganovenkomödie „Ladykillers“ mit Telefonen und Laptops aus dem Parkett. Man reagierte aufeinander und lieferte an die wartende Netzgemeinde - rund 15.000 Follower, die den Theaterabend am heimischen Schreibtisch miterlebten.

„Das ist genau unser Ziel“, erklärt Till Führer von Livekritik, „wir wollen ausprobieren, wie sich Kulturereignisse für neue Zielgruppen öffnen lassen.“ Dabei will das zehnköpfige Livekritik-Team Theatern helfen, interaktive Werkzeuge zu entwickeln. Das Interesse der Häuser, so der leitende Redakteur, ist groß. Ziel ist, zu Kulturereignissen mehr Stimmen zu Wort kommen zu lassen als die üblichen Verdächtigen. Von Usern für User. Der „Ladykillers“-Abend führte zu einem gemischten Fazit.

Zumindest hat sich niemand von der Aktion gestört gefühlt, weder Ensemble noch Publikum. Das Theater hatte die 50 Twitterer kompakt zusammengesetzt, um den Lichtschein der Displays zu begrenzen. Doch das Theatertwittern hatte seine Tücken. Debattiert werden inhaltliche Fragen: Was soll man sagen? Etwas Beschreibendes oder eine Wertung? Die Ablenkung vom Theatererlebnis ist groß und ärgerlich. Aus solchen Erkenntnissen reifen bei den Livekritik-Leuten bereits Pläne für eine App mit der Möglichkeit, Stimmungsberichte zu senden ohne sich die Finger wund zu tippen.

Das Theater Heilbronn experimentiert ebenfalls bereits mit Twitter. Johannes Pfeffer kommt hier zu dem Fazit, dass die digitale Stimmenvielfalt besonders bei der Begleitung von Proben einen Mehrwert bietet. Nützlich ist die Einbindung sozialer Netzwerke bei der Erschließung neuer Theaterinteressenten. Aber auch zur Vermittlung von komplexen Theaterthemen auf neuen Kanälen. Speziell für die Social-Media-Auswertung werden neue Veranstaltungsformate zu entwickeln sein. Der klassische Theaterabend soll aber weiterhin erlebbar bleiben. Mit seinen Stärken als „schwarzes Loch“.

Das sagt

Henrik Kuhlmann, Dramaturg am DT in Göttingen: „Wir denken über solche neuen Kommunikationswege nach. Twitter ist ein guter Kanal, weil er weniger werbemäßig wirkt als Facebook. Wir wollen die Netzgemeinde erreichen und mehr Zuschauerrückmeldungen erzeugen. Denkbar wären Twitter-Aktionen direkt nach Vorführungen. Vorstellungen mit Livetweets zu stören, ist nicht so günstig, auch bei Proben ist es schwierig, Twitterer reinzusetzen, die dann schon Wertungen raussenden.“

Michael Volk, Chefdramaturg am Kasseler Staatstheater: „Als Werbeinstrumente sind soziale Netzwerke für Theater spannend. Für die Nutzung in Aufführungen sind sie meiner Meinung nach weniger geeignet. Am Theater ist ja gerade das Tolle, dass man während der Aufführung nicht in Netzwerken hängt, sondern zur Konzentration gebracht wird. Die hat unsere moderne Gesellschaft bitter nötig.“

Udo Eidinger, Dramaturg am Jungen Theater in Göttingen: „Soziale Netzwerke sind nicht mehr wegzudenken als Kommunikationsform - auch für Theater. Aber abgesehen vom Nutzen fürs Marketing muss man für den Einsatz in einer Aufführung Ideen entwickeln, die mehr sind als ein kurzlebiger Gag.“ (fra)

Von Bettina Fraschke

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