Rainald Grebe im Kulturzelt: Surreales aus der realen Welt

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Schräge Show: Reinald Grebe im Tüllrock - dieser Teil des Kasseler Auftritts im Kulturzelt war seiner ersten Band Harakiri Eleison gewidmet.

Kassel. Mit Hasenohren auf dem Kopf kam Rainald Grebe aus dem Publikum zur Bühne und verharrte für den Prolog am Rand: Eine erste Geschichte aus seiner frühen Kindheit, ein Erlebnis mit einem aggressiven Schwan.

Vom Vater wurde er mit den Worten getröstet: „Schwäne müssen nicht freundlich zu uns sein, sie wissen, dass sie nicht schmecken.“ Die Zuschauer im ausverkauften Kasseler Kulturzelt kamen am Freitagabend in den Genuss seines neuen Soloprogramms, „Das Rainald Grebe Konzert“. Der Titel entpuppte sich schnell als Wolf im Schafspelz.

Hasenohren ab, rauf auf die Bühne, ran an den Flügel. Weitere Anekdoten vom Leben im Kölner Vorort Frechen, wo er in den 80er-Jahren aufwuchs: „Fernsehkanäle gab es zwei, fürs Fernweh gab es Toast Hawaii“. Als Sidekick diente ihm sein Tonmann Franz Schumacher. Ihr Zusammenspiel erinnerte an Harald Schmidt und Manuel Andrack.

Auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund wurde das Familienalbum aufgeblättert. Grebe kommentierte die Fotografien aus einer beklemmenden Welt, die ihn Blockflöte-spielend im Partykeller und Klavier-spielend im Wohnzimmer zeigten - die Wände holzvertäfelt, spießig dekoriert mit Tellern. „Was mag wohl die Putzfrau über eine Familie gedacht haben, bei der Teller an der Wand hingen?“ Er zeigte sein erstes, selbst gekauftes Klavierbuch - Songs von Billy Joel - und erzählte von dessen Großvater Karl Amson Joel. Der war Textilhändler in Nürnberg und wurde 1938 enteignet. Sein Unternehmen wurde der Grundstock von Neckermann, der dafür nicht eine (Reichs-)Mark zahlte. Das ging, wie so vieles an diesem Abend, unter die Haut.

Die Geschichten hinter den Geschichten

Mit den Geschichten hinter den Geschichten zeichnete Grebe das Portrait einer Generation, die in relativem Wohlstand groß wurde, auf ihrem Weg mit ihren Fragen aber von den Eltern, die in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen waren, alleine gelassen wurde. Natürlich auch von der Politik.

Nach einer Stunde, in der Songs nur angespielt wurden – gelegentlich sogar am Schlagzeug – gab es mit „Die Welt vor meiner Geburt“ das erste komplett durchgespielte Lied. Da neigen sich andere Konzerte schon dem Ende zu. Nicht so bei Grebe, der nach der Pause mit Songs über „Das erste Mal“, „Künstler“ und „Das psychologische Jahrhundert“ erst richtig aufdrehte. Fast drei Stunden unterhielt er das Publikum „im modernsten Zelt Deutschlands“, wie er das Kulturzelt nannte, mit seinen zynischen und bösen Geschichten und Liedern.

Das dankte ihm mit donnerndem Applaus und Wünschen nach Zugaben, die er gerne erfüllte.

Von Wilhelm Ditzel

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