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Pilgern: Spannende Unterkünfte an den deutschen Jakobswegen

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Pilgern auf Jakobswegen
Auch durch Brandenburg lässt sich - wie hier in der Oder-Spree-Region - auf verschiedenen Routen pilgern. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

Der Camino Francés ist der Klassiker. Doch das Netz an Jakobswegen ist viel größer. Es durchzieht auch Deutschland. Wer hier pilgert, stößt auf ganz besondere Herbergen - und die Menschen dahinter.

Greven/Vechta - Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ hat bei vielen lebhafte Visionen überfüllter Pilgerherbergen geschaffen. Abschreckend? Offensichtlich nicht für jeden. Gab es doch einen Kerkeling-Effekt: Nach dem Buch pilgerten mehr Menschen als vorher auf dem Camino Francés nach Santiago de Compostela.

Nicht immer aber muss es der bekannteste Jakobsweg in Spanien sein, nicht immer das Bettenlager. Auch in Deutschland lässt sich auf mehr als 30 verschiedenen Routen prima pilgern.

Und: Das deutsche Jakobswegenetz hält spannende Unterkünfte für verschiedene Bedürfnisse und Budgets parat. Hier ist eine Auswahl besonderer und kurioser Übernachtungsmöglichkeiten:

1. Pilger-Suite, Greven (NRW)

Der Jakobsweg beginnt vor Deiner Haustür, heißt es. Für Andrea Poleratzki aus dem münsterländischen Greven stimmt das tatsächlich.

Der Westfälische Jakobsweg - vom Dom St. Peter in Osnabrück über den Teutoburger Wald, das Münsterland, Dortmund, Wuppertal zum Kölner Dom - führt eben auch durch die Grevener Bauerschaft Schmedehausen mit einem kleinen Ortskern und pittoresken Häusern.

Schräg über die Straße von Poleratzkis Herberge steht die Kirche „Zu den heiligen Schutzengeln“, daneben eine große Hinweistafel samt Jakobsmuschel. Seit Jahrhunderten Zeichen der Pilger, ist die Muschel heute Wegweiser und Erkennungssymbol gleichermaßen. Gelb stilisiert auf blauem Grund findet sie sich auf der Hinweistafel an der Kirche - und auf der Hauswand der Herberge mit dem eigenwilligen Namen: „Am Dom Gästezimmer ... etwas anders“.

Die Zimmer dieser nach Eigenauskunft also etwas anderen Herberge heißen „Das Domzimmer“ und „Die Pilger-Suite“. Der Name ist Programm. Rund 70 Pilger machen jährlich Station.

Sie finden dort seit 2014 „eine kuriose Herberge“, wie Hausherrin Poleratzki sagt. Das Geschirrregal in der Küche war ursprünglich ein nostalgischer Reisekoffer, die Sitzbank diente früher als Kutschbock. Das Wasser der Waschgelegenheiten sprudelt wahlweise aus einem Zapfhahn oder fließt aus einer Milchkanne.

„Jedes Teil kriegt eine zweite Chance. Der Charme alter Möbel ist einfach größer. Sie haben ihre Geschichten“, sagt die 59-Jährige, die auf Wunsch auch Frühstück anbietet. Gerade dabei komme sie oft mit den Gästen ins Gespräch. „Bei uns ist es nicht anonym, es ist klein, familiär“, sagt sie. „Die Gäste können auch den Garten mit seinen vielen Ruheecken mitbenutzen, richtig ankommen. Oft ist es, als öffne sich dadurch irgendwas.“

Viele Pilgernde erzählen ihre Geschichte, so Poleratzki. Wie die Norwegerin mit Multipler Sklerose, die auf ihrer Mission, jeden Tag bis Paris einen Marathon zu laufen, auch in Schmedehausen zu Gast war. Manche Pilger, so die Herbergsmutter, kämen später für einen Urlaub zurück. Das sei dann besonders schön.

Pilger-Suite in Greven
In der Pilger-Suite in Greven fließt Wasser aus dem Zapfhahn. © Andrea Poleratzki/dpa-tmn

2. Planwagen, Neukirchen (Sachsen)

Mit Pferden und Eseln auf dem Jakobsweg? „Habe ich alles schon gehabt“, sagt Bert Bochmann. Mit seinem Bruder Tilo betreibt er in Neukirchen, am Rand vom Erzgebirge, einen Biohof. Pilger können hier in einem Planwagen auf Heu übernachten. Weitere Unterkünfte sind in Planung. Pferd und Esel kommen auf der Weide nebenan unter.

Zeit, selbst zu pilgern, hatten die Brüder, deren Hof direkt am Sächsischen Jakobsweg liegt, noch nicht. Wobei, scherzt Bert: „Wir pilgern jeden Tag, bloß halt eben nur das kleine Stück des Weges.“

3. Bauwagen, Vechta (Niedersachsen)

Als die Kinder noch jünger waren, wurde der alte Bauwagen im Garten der Familie Sander aus Vechta noch viel zum Spielen benutzt. Mit der Zeit aber nahm das ab und der Wagen stand nur noch herum.

Dann las Thomas Sander über den norddeutschen Jakobspilgerweg Via Baltica, der 20 Meter vor dem Haus verläuft. Kurzerhand beschloss er mit seiner Frau Daniela, den Wagen zu einer Pilgerherberge umzubauen. Aufbereitet, Bett besorgt, Tisch und Sitzgelegenheit hinein, fertig.

„Wir lassen hinten am Haus die Türen auf, damit die Pilger unser Familienbadezimmer und die Küche mitnutzen können“, sagt Sander. „Man muss ja das Vertrauern haben in den Menschen, der kommt.“

Und über die Jahre, seit 2017, sind die verschiedensten Menschen gekommen. „Durchweg liebe Leute, demütig und dankbar, wie Pilger so sind. Aus Deutschland, klar, aber auch aus Frankreich, Norwegen und so weiter. Jeder Pilger hat seinen eigenen Hintergrund“, sagt Sander. „Die letzte Pilgerin zum Beispiel ging den Weg für ein Kinderhospiz und sammelte Kilometergeld als Spenden.“

2019, vor der Pandemie also, zählten die Sanders mehr als 20 Bauwagen-Übernachtungen im Jahr. „Wenn es schon mal zu kalt ist, nehmen wir die Pilger auch im Haus auf. Im Zimmer unserer Tochter, die zum Studium ausgezogen ist.“

4. Feuerwehrauto, Bernau-Börnicke (Brandenburg)

Tatütata, die Pilger sind da: So ähnlich muss es bei der Pilgerherberge im Feuerwehrauto in Bernau-Börnicke nordöstlich von Berlin zugehen. Seit 2016 besteht diese Unterkunft auf dem nördlichen Brandenburger Jakobsweg von Frankfurt (Oder) nach Bernau.

Das historische Fahrzeug des Herstellers Magirus-Deutz, 1963 erbaut, steht in passender Umgebung: am alten Feuerwehrhaus. Auch im Haus ist das - laut Veranstalter - kleinste Theater Brandenburgs. Im Spielplan finden sich Märcheninszenierungen, die mit Figuren erzählt werden, außerdem Lesungen, Kammermusik und mehr.

„Viermal im Monat wird gespielt“, sagt Theaterdirektor Ekkehard Koch, selbst passionierter Pilger. Wer also zur richtigen Zeit dort Station macht, kann nicht nur eine Übernachtung im umgebauten Feuerwehrauto, sondern auch noch Kultur im Feuerwehrhaustheater genießen.

Im Feuerwehrauto übernachten
Tatütata, die Pilger sind da: In Bernau-Börnicke nahe Berlin können Pilger in diesem umgebauten Feuerwehr-Oldie schlafen. © Theresa Koch/dpa-tmn

5. Bootshaus, Torgau (Sachsen)

Rudern und Pilgern - das passt, dachte man sich beim 1909 gegründeten Torgauer Ruderverein und hält gleich zwei Schlafalternativen für müde Pilger auf ihrem Weg durch den Landkreis Nordsachsen vor.

Einmal kann man im Saal am Bootshaus übernachten, mit Luftmatratze, Schlafsack und Möglichkeit zur Küchennutzung. 1994 wurde ein kleines Wanderruderheim errichtet, das nicht nur von Wanderruderern, sondern auch von Jakobspilgern genutzt wird.

Wer es etwas komfortabler möchte, übernachtet im „Alten Bootshaus“ auf dem Vereinsgelände, einer Gaststätte mit kleiner Pension, direkt an der Elbe.

6. Mini-Hütte, Soltau (Niedersachsen)

„Kleinste Pilgerherberge in Deutschland“ nennt sich das „Pilgrims House“ in Soltau. Mit einem Innenmaß von 1,60 mal 1,98 Meter, also rund drei Quadratmetern, kann das gut stimmen. Hinter einem kleinen, brauen Gartenzaun liegt dieses winzige Pilgeridyll aus Fachwerk, von Grün eingerahmt. Es ist auch ein beliebtes Fotomotiv.

In Trägerschaft des Soltauer Salzmuseums wurde die Mini-Hütte im September 2019 in Betrieb genommen. Ihre Lage ist ideal: Sie liegt direkt an den Pilgerwegen Via Romea und Jacobusweg Lüneburger Heide sowie am Heidschnuckenweg, einem bekannten Wanderweg. dpa

Lüneburger Heide
Auch durch die Lüneburger Heide führt ein Pilgerweg. © Philipp Schulze/dpa/dpa-tmn

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