Der Abend im Protokoll

Eurovision Song Contest: Wurst ist die Königin Europas

Sie stieg auf wie Phoenix aus der Asche des Trash-TV und sorgte für einen denkwürdigen Abend beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen: Die österreichische Travestiekünstlerin Conchita Wurst triumphierte mit der Ballade „Rise Like A Phoenix“ und setzte damit ein eindrucksvolles Zeichen für Toleranz und Menschenrechte.

Vor allem von Rechten aus Osteuropa war die Kunstfigur mit Bart, hinter dem sich der Schwule Tom Neuwirth aus der Steiermark versteckt, angefeindet worden. Für Elaiza aus Deutschland reichte es nur zum 18. Platz. Unsere Redakteure Willie Ditzel und Matthias Lohr haben das kurzweilige Finale protokolliert.

20.30 Uhr: Auf der deutschen ESC-Party in Hamburg begrüßt Moderatorin Barbara Schöneberger die Schlagersängerin Michelle, die auch schon einmal für Deutschland in Kopenhagen gesungen hat. Das war 2001. Und es war wirklich nicht gut. Es erinnert uns daran, dass früher nicht alles besser, sondern oft peinlich war. Wir schön, dass man sich für Elaiza nicht schämen muss. Im Gegenteil.

21.05 Uhr: Erst waren die Dänen im Vorjahr ein bisschen erschrocken, dass sie gewonnen hatten – wegen der immensen Kosten, die der ESC verschlingt. Doch dann haben sie eine ehemalige Werfthalle umgebaut. Die Lichtshow dort ist ebenso beeindruckend wie der Auftakt mit Fallschirmspringern, Tauchern und Parkour-Läufern.

21.12 Uhr: Die Welt schaut auf Kopenhagen: 180 Millionen Zuschauer in 125 Ländern verfolgen das Finale.

21.15 Uhr: Den Auftakt macht die Ukrainerin Marija Yaremchuk mit „Tick-Tock“. Schade, dass politische Äußerungen beim ESC ebenso verboten sind wie bei Olympia. Wäre cool gewesen, wenn Yaremchuk ein „Fuck You Putin“-Shirt getragen hätte. Das hätte man nie vergessen. An den harmlosen Gute-Laune-Song werden wir uns dagegen schon morgen nicht mehr erinnern.


21.19 Uhr: Aus Weißrussland kommt Teo alias Robin Thickuchevsky. Sein „Blurred Lines“ heißt „Cheesecake“ doch von dem belorussischen Käsekuchen bekommt man im restlichen Europa vermutlich keinen Hunger.

21.23 Uhr: „Start a Fire“ heißt der nächste Song. Ein Feuer startet Dilara Kazimova aus Aserbaidschan trotzdem nicht. Dazu ist das Lied der Sängerin, die gerade in der Casting-Show „The Voice of Ukraine“ durchstartet, zu durchkalkuliert auf Euro-Pop. Bei der Ukraine gab es Rhönradfahrer, nun hängt eine Trapezartistin über der Bühne. Ist der ESC nun eigentlich auch ein Turnwettbewerb?

Die deutschen Teilnehmer: Die Band Elaiza.

21.26 Uhr: Der Anti-Stotter-Song von Pollapönk aus Island klingt ein bisschen nach den Hives aus Schweden. Aber die Farben ihrer Anzüge haben sich die Musiker bei den Teletubbies geklaut. An der Übersetzung des Textes vom Irischen ins Englische hat der großartige John Grant mitgefeilt, der diesen Sommer im Kasseler Kulturzelt auftritt.

21.30 Uhr: Mit dem tätowierten Norweger Carl Espen betritt ein Bär von einem Mann die Bühne. Er hat das Schreinerhandwerk gelernt und als Türsteher in einem Metal-Club gejobbt. Die Tür dort muss schalldicht gewesen sein, denn „Silent Storm“ ist ein sehr gefühlvolles Lied mit Gänsehaut-Faktor.

21.35 Uhr: Nachdem im vorigen Jahr die deutsche Sängerin Natalie Horler alias Cascada den 2012er-Siegertitel „Euphoria“ der Schwedin Loreen neu interpretiert hatte, hören wir den Song diesmal in einer Version von Paula Selig & Ovi aus Rumänien. Das reicht jetzt aber. Das einzige Wunder an „Miracle“ ist die wirklich gute Hologramm-Technik. Und das runde Piano sieht lustig aus.

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21.38 Uhr: Aram MP3 ist von Beruf Apotheker. Könnte sein, dass der Favorit morgen früh einige Aspirin einnehmen muss, nachdem er seinen Sieg gefeiert hat. Bei den Buchmachern gilt er als Favorit. Dabei ist seine Nummer eigentlich etwas zu getragen. Und die Handschuhe, die er trägt, hat man zuletzt vor 30 Jahren bei Talk Talk („Such A Shame“) und bei Duran Duran („Wild Boys“) gesehen.

21.43 Uhr: An Sergej Cetkovic kommt Aram MP3 trotzdem nicht heran. Der Sänger aus Montenegro, der eine klassische Balkan-Ballade mit Flötenspiel und Weltschmerz aufführt, ist mehr als zwei Meter groß und damit der längste Finalist. 


21.46 Uhr: Wenn Sido mit Miss Platnum im „Musikantenstadl“ aufträte, würde das ungefähr so klingen wie der Folklore-Rap von Donatan & Cleo aus Polen. An der Musik kann es nicht gelegen haben, dass der dazugehörige Clip bei Youtube mehr als 38 Millionen Mal geklickt wurde. Eher schon an den tief dekolletierten Bäuerinnen, die jedes sexistische Klischee bedienen.

21.50 Uhr: „Rise Up“ ist vielleicht der beste Songtext des Abends. Die Griechen Risky Fortune und RiskyKidd fordern: „Steh auf, wenn du am Boden bist.“ Das passt zu ihrem Krisenland. Und ihr Trampolinspringer sticht die bisherigen Turner locker aus.

21.54 Uhr: Conchita Wurst ist nicht nur eine beeindruckende Erscheinung, die unsere Vorstellungen von Geschlecht und Schönheit hinterfragt, sondern auch eine tolle Sängerin. Schließt man die Augen, ist „Rise Like A Phoenix“ eine große, leicht pathetische Nummer, aus der Shirley Bassey auch einen respektablen James-Bond-Song gezaubert hätte.


21.59 Uhr: Yvonne Grünwald, die bei Elaiza Akkordeon spielt, wird heute 30. Das schönste Geburtstagsgeschenk hat sie sich mit ihrem Trio selbst gemacht. Der Aufstieg der drei Frauen aus Berlin ist schon jetzt die Erfolgsgeschichte des Jahres. Souveräner Auftritt.


22.05 Uhr: Bleibt die ESC-Trophäe in Skandinavien? Nach Norwegen kommt auch ein starkes Stück aus Schweden. Sanna Nielsen singt „Undo“, eine Power-Ballade im Stil von Céline Dion. Wer heute Abend gewinnen will, muss auf jeden Fall auch an Schweden vorbei.

22.10 Uhr: Zu den coolsten Beats des diesjährigen Song Contests besingen Twin Twin aus Frankreich den Schnurrbart. Doch der Abend gehört längst dem Bart von Conchita Wurst, der übrigens mit Lidschatten und Pinsel nachgemalt ist.


22.13 Uhr: Das doppelte Lottchen Tolmachevy Sisters aus Russland nannte sich bis zur Ankunft in Kopenhagen noch Tolmachevy Twins. Um den Europäern die Angst vor Wladimir Putin zu nehmen, hat man für „Shine“ einen griechischen Komponisten, zwei Texter aus Malta und Großbritannien, sowie Backgroundsänger aus Portugal und Schweden angeheuert. Trotzdem wird es nicht für einen der vorderen Plätze reichen.

22.16 Uhr: Jedes Land bekommt die Castingshow-Sieger, die es verdient. Während wir Deutschen uns mit Langweilern wie Alexander Klaws begnügen müssen, haben die Italiener Emma Marrone in einer TV-Show entdeckt. Ihr Lied erinnert an Rockröhre Gianna Nannini. Wow. Wir sind ein bisschen neidisch. 


22.22 Uhr: „Kleider mit Spitze und Glitzer liegen im Trend“, twittert die Kollegin von HNA-Online während des Auftritts von Tinkara Kovac aus Slowenien. Muss wohl stimmen. In „Round and Round“ erklingt die Flöte, die beim letztjährigen Siegertitel „Only Teardrops“ das Salz in der Suppe war. Trotzdem nur ein durchschnittlicher Popsong.

Die Platzierungen der 26 Finalisten

1. Österreich: Conchita Wurst (290 Punkte)

2. Niederlande: The Common Linnets (238)

3. Schweden: Sanna Nielsen (218)

4. Armenien: Aram Mp3 (174)

5. Ungarn: András Kállay-Saunders (143)

6. Ukraine: Maria Yaremchuk (113)

7. Russland: Tolmachevy Sisters (89)

8. Norwegen: Carl Espen (88)

9. Dänemark: Basim (74)

10. Spanien: Ruth Lorenzo (74)

11. Finnland: Softengine (72)

12. Rumänien: Paula Seling & Ovi (72)

13. Schweiz: Sebalter (64)

14. Polen: Donatan & Cleo (62)

15. Island: Pollapönk (58)

16. Weißrussland: Teo (43)

17. Großbritannien: Molly Smitten-Downes (40)

18. Deutschland: Elaiza (39)

19. Montenegro: Sergej Ćetković (37)

20. Griechenland: Freaky Fortune feat. Risky Kidd (35)

21. Italien: Emma Marrone (33)

22. Aserbaidschan: Dilara Kazimova (33)

23. Malta: Firelight (32)

24. San Marino: Valentina Monetta (14)

25. Slowenien: Tinkara Kovač (9)

26. Frankreich: Twin Twin (2)

22.25 Uhr: Bei den Einspielfilmen hat sich das dänische Fernsehen etwas sehr Lustiges einfallen lassen: Jeder Kandidat bastelt seine Landesflagge. Die Finnen von Softengine machen das mit Eisblöcken. Ihr „Better Something“ könnte auch eine B-Seiten-Single von Coldplay sein oder eine Langnese-Werbung untermalen.


22.29 Uhr: Ruth Lorenzo aus Spanien singt eine dieser Power-Balladen im Stil von Jennifer Rush und mit einem Refrain, den man nach dem ersten Mal mitsingen kann. Solide, aber ein wenig übertrieben intoniert.

22.30 Uhr: Wieso setzen eigentlich so viele Länder auf Balladen, wenn die es angeblich immer so schwer haben beim ESC?

22.34 Uhr: Die Schweiz hat es dank Sebalters Mitwipp-Mitschnipp-Nummer „Hunter Of Stars“ völlig zu recht ins Finale geschafft. Damit sind fast alle Nachbarländer Deutschlands dabei. Ob wir von Ihnen auch alle Punkte bekommen? Der eidgenössische Sänger Sebastiano Pau-Lessi sieht aus wie Bob Dylan zu „New Morning“-Zeiten.

22.37 Uhr: Der Ungar Andràs Kallay-Saunders ist der Sohn von Fernando Saunders, der einst Bassist bei Lou Reed war. Sein „Running“ beginnt als Klavierballade und mündet in einen Drum’n’Bass-Refrain. Das Stück handelt von misshandelten Kindern. Darüber kann und sollte man Lieder schreiben, aber ist der ESC die richtige Bühne dafür?

22.42 Uhr: Ein Freund schreibt, dass er die Inszenierung von Conchita Wurst gut fand, aber das Lied sei nicht so der Kracher. Seit wann, bitte, geht es beim ESC um die Musik?

22.43 Uhr: Vier Jahre nach dem Durchbruch der britischen Band Mumford & Suns scheint das Folk-Revival auch auf Malta angekommen zu sein. Doch Firelight und ihr „Coming Home“ sind eher Folk-light. 


22.46 Uhr: Auch der Däne Basim hat offensichtlich ein großes Vorbild: der Hawaiianer Bruno Mars. Der „Cliché Love Song“ verbreitet gute Laune und basiert auf „You To Me Are Everything“ von The Real Thing aus dem Jahr 1976. Aber eine Titelverteidigung beim ESC ist so schwer wie bei den Fußballern in der Champions League. Beides hat noch keiner geschafft.

22.49 Uhr: Auch der lässige Country-Song von The Common Linnets aus den Niederlanden überzeugt. Kann es sein, dass das dieses Jahr der musikalisch beste und abwechslungsreichste Song Contest aller Zeiten ist? „Calm After The Storm“ müsste eigentlich mit vielen Punkten belohnt werden. Oder geht die Leichtigkeit von Ilse DeLange und Waylon im ESC-Bombast unter?

22.55 Uhr:  Schön, dass es Ralph Siegel mit seiner klassischen Ballade für San Marino und Valentina Monetta mal wieder ins Finale geschafft hat. Und er ist zum ersten Mal seit seinem Triumph mit Nicole 1982 wieder auf der Bühne zu sehen.


22.58 Uhr: Es ist eines der großen Rätsel, warum es das Mutterland des Pop nicht schafft, einen wirklich guten Beitrag zum ESC zu entsenden. Molly singt in einem „König der Löwen“-Kostüm immerhin den besten britischen Titel seit gefühlt 20 Jahren.

23.05 Uhr: Was passiert eigentlich mit dem ESC, wenn der unvergleichliche Peter Urban irgendwann in den Ruhestand gehen sollte? Übernimmt dann Marcel Reiff als TV-Kommentator?

23.37 Uhr: Nach fast drei Stunden kommt mit Emmelie de Forest doch noch die Vorjahressiegerin und singt kurz ihren Hit an, um anschließend die Shakira in ihr rauszulassen. Doch „Rainmaker“, wie der neue Song heißt, wird man schon nach der Sendung vergessen haben.

23.45 Uhr: Die Punktevergabe beginnt. Die Wertung eines jeden Landes setzt sich wie gehabt aus dem Urteil der Zuschauer und einer Jury zusammen, der in Deutschland unter anderem der Rapper Sido und der Sänger Andreas Bourani angehören.

23.46 Uhr: Die ersten zwölf Punkte des Abends gehen aus Aserbaidschan an Russland. Dafür gibt es im liberalen Kopenhagen ein lautes Pfeifkonzert. Griechenland vergibt seine zwölf Punkte an die Wurst. Erst aus dem dritten abstimmenden Land gibt es Zähler für Deutschland, nämlich acht aus Polen.

0.03 Uhr: Österreich führt mit mittlerweile 116 Punkten, es folgen die Niederlande, Armenien und Schweden.

0.12 Uhr: Aus dem Vierkampf ist ein Zweikampf geworden. Nach zwölf Punkten aus Portugal liegt Conchita Wurst mit 147 Punkten vor The Common Linnets aus den Niederlanden (123).

0.20 Uhr: Weder aus den Niederlanden, Österreich oder Belgien bekommt Deutschland einen Punkt. Elaiza ist mit 20 Zählern Fünftletzter. Das haben die drei erfrischenden Musikerinnen nicht verdient.

0.23 Uhr: Conchita Wurst steht als Siegerin fest. Drei Länder haben ihre Punkte noch gar nicht abgegeben. Es ist der erste österreichische ESC-Triumph, seit Udo Jürgens 1966 mit „Merci, Chéri“ gewann. Und es ist die vierthöchste Punktzahl, die ein Sieger jemals hatte. Günter Klein, Sportredakteur beim „Münchner Merkur“ twittert: „Schade, dass Jörg Haider das nicht mehr hat erleben dürfen.“ Deutschland wird mit Elaiza 18.

0.28 Uhr: Conchita Wurst steht auf der Bühne, kann ihren Triumph kaum fassen und erklärt: „Dieser Abend ist allen gewidmet, die an Frieden und Freiheit glauben. Wir sind eine Einheit. Wir sind nicht zu stoppen.“ Besser hätte man (und Frau) es nicht sagen können.

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