Fall Kachelmann - wie es nach dem Urteil weitergeht

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Jörg Kachelmann: Morgen wird das Urteil in seinem Prozess gesprochen.

Mannheim - Dienstag wird das Urteil im Prozess um Jörg Kachelmann gesprochen. Die Staatsanwaltschaft geht schon jetzt mehrere Optionen durch, wie mit dem Urteil umzugehen ist.

Im Fall eines Freispruchs für Jörg Kachelmann will die Staatsanwaltschaft höchstwahrscheinlich zumindest formal Revision gegen das Urteil einlegen.  Das sagte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Er widersprach damit Medienberichten, wonach es angeblich eine Absprache innerhalb der Staatsanwaltschaft gebe, auf Rechtsmittel zu verzichten.

Urteil im Fall Kachelmann: Die Stationen des Prozesses

8./9. Februar 2010: Vor seiner Abreise zu den Olympischen Spielen nach Vancouver, wo Kachelmann für das Fernsehen berichtet, kommt es zum Streit mit seiner langjährigen Freundin, die ihn daraufhin wegen Vergewaltigung anzeigt. © dpa
20. März: Kachelmann wird bei seiner Rückkehr am Frankfurter Flughafen festgenommen und in die Justizvollzugsanstalt Mannheim gebracht. © dpa
24. März: Der Moderator weist in seiner einzigen Aussage beim Haftrichter die Vergewaltigungsvorwürfe zurück. © dpa
19. Mai: Knapp zwei Monate nach seiner Verhaftung erhebt die Staatsanwaltschaft Mannheim Anklage gegen Kachelmann wegen des Verdachts der schweren Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung. © dpa
5. Juni: Der “Spiegel“ veröffentlicht Passagen aus einem von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten, das die Aussage des mutmaßlichen Opfers zum Vergewaltigungsgeschehen als lückenhaft und nicht belastbar einordnet. © dpa
29. Juni: Kachelmanns Verteidiger legt Haftbeschwerde ein, die das Landgericht Mannheim am 1. Juli jedoch mit der Begründung ablehnt, dass Kachelmanns Einlassungen “wenig plausibel“ seien. Die Haftbeschwerde geht in die nächste Instanz. © dpa
9. Juli: Das Landgericht Mannheim eröffnet das Hauptverfahren gegen den Meteorologen und setzt den Prozessbeginn auf den 6. September fest. © dpa
29. Juli: Nach 132 Tagen wird Kachelmann freigelassen, nachdem das Oberlandesgericht Karlsruhe seiner Haftbeschwerde stattgegeben hat. Die Richter begründen die Entscheidung damit, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass das mutmaßliche Opfer Kachelmann mit einer falschen Aussage belastet habe. Es stehe Aussage gegen Aussage. © dpa
6. September: Vor dem Landgericht Mannheim, 5. Große Strafkammer, beginnt der Kachelmann-Prozess mit einem Befangenheitsantrag der Verteidigung. Der Antrag wird abgelehnt. Auch ein zweiter Befangenheitsantrag bleibt später erfolglos. Kachelmann kündigt an zu schweigen. © dpa
18. Oktober: Die Ex-Freundin sagt unter Ausschluss der Öffentlichkeit über vier Verhandlungstage hinweg mehr als 20 Stunden lang aus. © dpa
4. Dezember: Verteidigerwechsel im Kachelmann-Prozess: Der Hamburger Strafverteidiger Johann Schwenn erscheint als neuer Anwalt. Reinhard Birkenstock (Köln) und Wahlverteidiger Klaus Schroth (Karlsruhe) wurden von Kachelmann entbunden. Pflichtverteidigerin Andrea Combe verfolgte den Prozess als einzige von Beginn an. © dpa
20. Dezember. Ein Sachverständiger stellt am Griff des Küchenmessers nur Mischspuren fest, die durch Sekundärübertragung erzeugt sein können. Ein objektiver Beleg, dass Kachelmann das Messer in der Hand hatte, ist damit nicht erbracht. Die Ex-Freundin gibt an, sie hätte in der fraglichen Nacht aufgeräumt und das Messer kurz am Griff angefasst. Am Messerrücken der Klinge finden sich keine DNA-Spuren des mutmaßlichen Opfers, an der geriffelten Schneide gibt es genetische Spuren. An einem Tampon wird die DNA von Kachelmann nachgewiesen. © dpa
1. Februar 2011: Der vom Gericht geladene Rechtsmediziner hält es für möglich, dass die Halsverletzungen der Frau vom Messerrücken stammen, kann aber auch Selbstverletzungen nicht ausschließen. Die Hämatome an den Oberschenkeln könnten von Kniestößen stammen. Aber auch hier seien Selbstbeibringungen möglich. © dpa
9. Februar: Die von Kachelmann geladenen beiden Rechtsmediziner halten Selbstverletzungen der Frau für naheliegend, können das Messer als Verletzungswerkzeug aber nicht ausschließen. Das Messer müsse dann aber anders eingesetzt worden sein als von ihr geschildert © dpa
15. Februar: Das Gericht reist zur Vernehmung einer Schweizer Zeugin nach Zürich. Sie soll von Übergriffen Kachelmanns im Januar 2010 berichtet haben. © dpa
1. März: Ein Techniker der Polizei hat auf dem Computer der Ex-Freundin rekonstruiert, dass sie im Februar 2009 schon einmal nach dem Namen einer weiteren Freundin Kachelmanns suchte. Ende 2009 nahm sie unter falschem Namen im Internet Kontakt zu der Nebenbuhlerin auf. © dpa
31. März: Die beiden Staatsanwälte bestätigen, dass das angebliche Vergewaltigungsopfer seine ursprüngliche Aussage zwei Monate nach der Anzeige korrigierte. Ein Flugticket mit dem Namen Kachelmann und dem der Nebenbuhlerin hatte sie schon Monate vor der angeblichen Tat erhalten. Den Zusatz “Er schläft mit ihr“ hatte sie selbst geschrieben und beide Schriftstücke Kachelmann vorgelegt. Während sie bei der Polizei am 9. Februar 2010 angab, dass Ticket und Schreiben am Vortag der angeblichen Vergewaltigung im Briefkasten lagen, korrigierte sie später. © dpa
2. Mai: Die Aussagepsychologin lässt offen, ob die Aussage der Ex-Freundin auf wahrem Erleben beruht oder nicht. Die Angaben zum mutmaßlichen Vergewaltigungsgeschehen seien stark lückenhaft. Die Gutachterin zieht in Betracht, dass die Erinnerungslücken Folge des Zusammenbruchs ihres Selbstbilds von einer gemeinsamen Zukunft mit Kachelmann sein könnten. Ebenso müssten autosuggestive Ergänzungen des Geschehens in Betracht gezogen werden. © dpa
5. Mai: Der von Kachelmann beauftragte Aussagepsychologe hält eine bewusste Falschaussage der Ex-Freundin für möglich. © dpa
Jörg Kachelmann
31. Mai: Jörg Kachelmann kommt zur Urteilsverkündung am Landgericht Mannheim an. © dpa
Der Wetterexperte kommt beim 44. Prozesstag mit Anwältin Andrea Combe zur Urteilsverkündung zum Gericht. © dpa
Jörg Kachelmann
Das Landgericht Mannheim hat den Wettermoderator Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. © dpa
Der Medienrummel am Tag der Urteilsverkündung ist enorm. © dpa

Sollte Kachelmann an diesem Dienstag freigesprochen werden, würde die Staatsanwaltschaft “mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ Revision einlegen, so Oltrogge. Denn nur in diesem Fall sei das Gericht gesetzlich verpflichtet, eine ausführliche Urteilsbegründung zu schreiben. Von dieser Begründung werde es dann abhängen, ob die Staatsanwaltschaft die Revision weiter verfolge oder zurücknehme.

Nach der Urteilsverkündung hat das Gericht 15 Wochen lang Zeit, die schriftlichen Urteilsgründe zu verfassen. Die Revision muss hingegen schon eine Woche nach der Verkündung eingelegt werden.

Das Landgericht Mannheim wird morgen das Urteil über den 52 Jahre alten Fernsehmoderator verkünden. Kachelmann wird vorgeworfen, er habe seine langjährige Geliebte mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten. Die Verteidigung hält Kachelmann für unschuldig und will einen Freispruch.

Was passiert, wenn Kachelmann verurteilt wird?

Die Staatsanwaltschaft hat eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten beantragt. Damit bleibt sie unter der regulären Mindeststrafe von fünf Jahren für eine besonders schwere Vergewaltigung. Der Grund: Wegen der Beeinträchtigung des Moderators durch die Medienberichterstattung geht die Staatsanwaltschaft von einem minder schweren Fall aus. Das bindet das Gericht allerdings nicht. Die Verteidigung hat bereits angekündigt, dass sie im Fall einer Verurteilung Revision zum Bundesgerichtshof einlegen würde. Bis darüber entschieden ist, würde ein Urteil nicht rechtskräftig. Kachelmanns Ex-Geliebte, die ihn der Vergewaltigung beschuldigt, könnte bei einer Verurteilung Schmerzensgeld fordern.

Müsste Kachelmann bei einer Verurteilung sofort wieder ins Gefängnis?

Auch wenn er verurteilt würde, könnte Jörg Kachelmann zunächst auf freiem Fuß bleiben. Die Staatsanwaltschaft fordert zwar die Verurteilung - nicht jedoch, sofort wieder einen Haftbefehl zu erlassen. Trotzdem könnte das Gericht auch von selbst einen neuen Haftbefehl erlassen. Voraussetzung wäre allerdings, dass Fluchtgefahr besteht. Das dürfte schwer zu begründen sein: Bislang hat Kachelmann keine Anstalten gemacht, abzuhauen - obwohl er zwischendurch in Kanada war und reichlich Gelegenheit gehabt hätte, das ganz, ganz Weite zu suchen.

Falls doch ein Haftbefehl ergeht: Klicken dann im Gerichtssaal die Handschellen?

Extrem unwahrscheinlich. Kachelmann würde wohl gebeten, nach der Urteilsverkündung im Saal zu bleiben - der Haftbefehl würde dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit verkündet. Handschellen wären nur erforderlich, wenn mit einem spontanen Fluchtversuch zu rechnen wäre - und das tut wohl niemand.

Was passiert, wenn Kachelmann aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird?

Ein “Freispruch zweiter Klasse“ gilt unter Prozessbeteiligten und Beobachtern wohl als die wahrscheinlichste Variante. Ob die Staatsanwaltschaft dann in Revision geht, dürfte von der Begründung des Urteils abhängen. Bei einem Freispruch hätte Kachelmann nach dem “Gesetz über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen“ einen Anspruch auf 25 Euro Entschädigung für jeden Tag in Untersuchungshaft. Bei 132 Tagen macht das 3300 Euro.

Was passiert, wenn Kachelmann wegen erwiesener Unschuld freigesprochen wird?

Bei einem “Freispruch erster Klasse“ müsste die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen die Ex-Geliebte einleiten, denn es bestünde zumindest der Verdacht, dass sie ihn absichtlich falsch beschuldigt haben könnte. Das wäre in mehrfacher Hinsicht strafbar: Weil Kachelmann wegen ihrer Aussagen in Haft saß, wäre der Tatbestand der Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft erfüllt. Hinzu kämen falsche uneidliche Aussage und falsche Verdächtigung. Im Fall einer Verurteilung müsste die 38-Jährige, wie Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge sagt, selbst mit einer “nicht unerheblichen“ Freiheitsstrafe rechnen.

dpa

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