Neuer Gipfel der Abscheulichkeiten

Finale im Dschungelcamp: Peer ist König – und die Welt dreht sich weiter

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Die drei Finalisten Peer, Katy und Thomas

Kassel. „Das ist das Ende der westlichen Zivilisation“, mit dieser Begründung soll Schauspieler John Cleese („Monty Python“) seine Teilnahme an der britischen Version von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ abgelehnt haben.

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Es gilt also zunächst beruhigt festzuhalten, dass sich die Welt immer noch weiter dreht. Es ist geschafft: Das Dschungelcamp verließ als letzter Ex-„GZSZ“-Darsteller und Restaurantbetreiber Peer Kusmagk als von den Zuschauern per Telefonabstimmung gekürter, verdienter „Dschungelkönig“. Zum Finale hielt RTL noch mal das gesamte Ekel-Arsenal der Show bereit.

Ex-Leistungsschwimmer Thomas Rupprath kroch in Glaskästen mit Aalen, Spinnen, Schlangen und Kakerlaken und klaubte darin mit dem Mund Sterne auf, Schauspielerin Katy Karrenbauer aß einen lebenden Sandwurm und einen Hirschpenis.

Nach dem Biss in ein widerliches, gegorenes Entenei übergab sie sich – neuer Gipfel der Abscheulichkeiten. Und Peer ließ sich für fünf Minuten in einem Sarg begraben, in den Wasser gespült wurde, damit die zahlreichen Ratten darin auf seinem Körper Zuflucht suchten. Neugierig bekrabbelten und beschnupperten sie ihn.

Das waren die 11 Kandidaten

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Vielleicht sollte an dieser Stelle daran erinnert werden, dass – in der immerhin fünften Staffel – alle elf Camp-Insassen wussten, auf welch unangenehme Form der Fernseh-Gefangenschaft und öffentlichen Aufmerksamkeit sie sich einlassen und all die „Prüfungen“ genannten Mutproben freiwillig antraten.

Das allerdings oft mit einem so kräftigen „Ja, ich will“, dass es in seiner Ernsthaftigkeit beinahe einem Ja vor dem Traualtar glich. Mit Peer gewann ausgerechnet derjenige Kandidat, der zwischenzeitlich im Camp angefeindet worden war.

Es klingt wie ein Daily-Soap-Exzerpt: Sarah, deren Selbstbezogenheit und fragwürdige Selbstwahrnehmung auch dem Publikum auf die Nerven gingen, behauptete, das Techtelmechtel von Jay Khan und Indira Weis sei nur gespielt, um die Aufmerksamkeit der Kameras zu gewinnen. Jay habe ihr im Vorfeld selbst vorgeschlagen, eine Liebesgeschichte zu inszenieren.

Weil Peer Sarahs Vorwürfe nicht in Bausch und Bogen zurückwies, wurde der 35-Jährige von den anderen isoliert. Und Sarah per Ultimatum zum Auszug aufgefordert.

Von einer „Liebesgeschichte“ will Jay inzwischen nichts mehr wissen, ein „Kennenlernen“ sei das gewesen, „wir werden weiterhin in Kontakt bleiben“. Es war ein Kennenlernen mit Zungenküssen.

Überhaupt wurde im Camp unter Kumpeln und Konkurrenten geknuddelt und geküsst und auf Schultern geklopft, dass es eine Freude war. Nein, sie alle schämten sich ihrer Gefühle nicht.

Mit Peer gewann auch nicht der Typ prolliger Muskelprotz à la Jay, sondern ein Mann, der weinen kann: der etwas verträumte, „niedliche“, auch mal unbeholfene 35-jährige Camp-Koch, der sich hemmungslos seinen Gefühlen überließ und von Dirk Bach und Sonja Zietlow für seine Tränen verspottet wurde.

Der beim weisen Camp-Guru Rainer Langhans Meditieren lernte (wer hätte gedacht, dass man den Ex-Kommunarden als Stimme der Vernunft im Camp wahrnehmen würde?), der Seifenblasen produzierte, Stoff-Äffchen Schotti behütete und beim Yoga-Sonnengruß eine gute Figur machte.

 Im ersten Interview stellte Peer übrigens fest, das gefährlichste Tier im Dschungel sei „der homo sapiens“. Wie eine Laborratte sei er sich vorgekommen, sagte Kandidat Mathieu Carrière nach seinem Ausscheiden – und entschuldigte sich bei Peer, weil er zwischenzeitlich die Freundschaft mit ihm „ein bisschen neutralisiert“ hatte.

Für die über sieben Millionen Zuschauer, die das Laborexperiment am Lagerfeuer mit teils angewidertem Staunen, aber doch Abend für Abend verfolgt haben, bleiben jede Menge Fragen. Vor allem: wie weit RTL das Geschehen „zwischen Hungern und Lungern“ (Sonja Zietlow) inszeniert und „verdichtet“ hat.

Rainer Langhans nannte die Zusammenschnitte, die in den vergangenen 14 Tagen regelmäßig für neue Rekordeinschaltquoten sorgten (zum Finale waren es noch mal 8,9 Millionen, mehr als ein Drittel aller Zuschauer), bereits „abstrus“, sie würden „nicht die Bohne“ wiedergeben, was er im Camp erlebt habe.

Aber auch, ob die Kandidaten nun ihre Anwälte aufeinander hetzen, wegen Verunglimpfungen, Beleidigungen und übler Nachrede. Wie dem auch sei: Alle, die in den 16 Tagen der Dschungel-Monarchie bei RTL ihre Energie in die Empörung über diese „Fake-Scheiße“ (Sarah Knappik) investierten, können sich nun wieder in ihre Goethe-Gesamtausgabe vertiefen oder zum iranischen Spielfilm mit Untertiteln auf Arte umschalten. Es ist überstanden. (Sie könnten sich auch über die ganz ähnlich gearteten Ekel-Mutproben auf der „Gorch Fock“ empören, wo das Eintauchen in Essensresten und Erbrochenem kein Spaß war.)

Die „Fans“ hingegen, wie die angeblichen „Stars“ ihre Anrufer beharrlich apostrophierten, freuen sich auf Fernsehabende ohne Lästern, Sternesammeln und Mehlwürmer, ohne „Dr. Bob“ und die medizinischen Bulletins über Verdauungsbeschwerden und dergleichen. Bis zur sechsten Staffel.

Von Mark-Christian von Busse

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