Taz-Redakteur über den Eurovision Song Contest und Lena Meyer-Landrut

"Der Grand Prix ist Sport" - Interview mit Jan Feddersen

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Wird Lena einmal wie Abba sein? Benny Andersson (von links), Anni-Frid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus gewannen 1974 mit „Waterloo“. Lena (rechts) singt am Samstag für Deutschland.

Vielleicht, so prophezeit der Grand-Prix-Experte Jan Feddersen, wird Lena Meyer-Landrut einmal so berühmt wie Abba. „Es ist gut möglich, dass Lena eine große Karriere hinlegen wird“, sagt der „taz“-Redakteur. 

Herr Feddersen, kennen Sie irgendjemanden, der Lena Meyer-Landrut nicht gut findet?

Jan Feddersen: Nein, in meinem Bekanntenkreis können sich alle auf Lena einigen. Aber die Kollegen von der „Bild“-Zeitung würden sich wohl freuen, wenn sie sich blamiert. Die wollen Stefan Raab eins auswischen, der ihnen mit „Unser Star für Oslo“ keine Krawall-Geschichten geliefert hat wie RTL mit „DSDS“.

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Warum ist in Deutschland die Lenamania ausgebrochen?

Feddersen: Weil sie als die ideale Tochter und Freundin erscheint - eine Projektionsfläche für viele. Sie hat eine wunderbar unaufgeregte Art und ist keine Glamour-Darstellerin, aber sie hat oft Glamour.

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Wer werden in Oslo Lenas größte Konkurrenten sein?

Feddersen: Ich bin mir sicher, dass es ein guter Grand-Prix-Jahrgang wird. Dänemark schickt einen sehr warmherzigen Titel ins Rennen, die Iren setzen auf eine Titanic-Reloaded-Ballade, und auch die Beiträge aus Spanien, Norwegen und Kroatien sind gut. Lena wird aber, so meine vage Schätzung, irgendwo vorn landen.

Der letzte Grand Prix, den Sie verpasst haben, war 1974, als Abba mit „Waterloo“ gewann und Sie mit einer Freundin über einen Rummel spazierten. Ärgern Sie sich heute noch?

Feddersen: Ein bisschen versetzt mir das heute tatsächlich noch einen Stich.

Das klingt verrückt.

Feddersen: Ich habe auch seit 1966 so gut wie kein Spiel einer Fußball-Weltmeisterschaft verpasst. Und wenn Olympia ist, nehme ich auf keinen Fall Urlaub. Der Grand Prix ist Sport. Man weiß vorher nicht, wie es endet, man kann wetten, etwas scheußlich finden und sich über Außenseitersiege freuen.

Für das schlechte deutsche Abschneiden in den 60er- und 70er-Jahren machen Sie in Ihrem Buch den Hessischen Rundfunk mitverantwortlich, der bei der ARD den Grand Prix plante.

Zur Person:

Jan Feddersen (52) studierte Soziologie, Wirtschaft und Politik in Hamburg, arbeitete für den „Stern“ und die „Zeit“ und ist seit 1996 Redakteur bei der „taz“ in Berlin. Sein Mann lebt in Hamburg.

Feddersen: Der HR verstand den Grand Prix als etwas Hochkulturelles. Die Titel sollten anspruchsvoll sein und einen Quotenerfolg garantieren. So hat Deutschland meist zeitgenössische Stile verpasst. Dabei hätte man mit Udo Lindenberg oder populären Liedermachern sicher punkten können.

Sie schreiben auch, dass es ein Missverständnis ist, dem Grand Prix mit Ironie zu begegnen. Aber kann man halbnackte osteuropäische Trommler oder eine finnische Metal-Persiflage wie Lordi ernst nehmen?

Feddersen: Sie fanden vor vier Jahren auch Texas Lightning und „No No Never“ gut, oder?

Ja, wieso?

Feddersen: Damals haben bestimmt auch einige Osteuropäer gesagt: Was wollen die Deutschen denn mit dieser hässlichen Tussie und den Kakteen auf der Bühne? Die angeblichen Kulturnationen machen ihren Geschmack zum Maßstab. Für die Albanerin, die gerade das Finale erreicht hat, ist der Wettbewerb nicht ironisch. In ihrer Heimat hätten alle gesagt, sie sei gescheitert, wenn sie ausgeschieden wäre. Beim Grand Prix geht es um Ernst und Wahrheit.

Manchmal ist der Wettbewerb auch bitterernst. Die britische Band Take That verweigerte sich dem Grand Prix, weil die Jungs Angst hatten, als homosexuell zu gelten. Wie schwul ist der Eurovision Song Contest?

Feddersen: So schwul wie die Fußballszene, die allgemein als heterosexuell gilt. Es schauen aber auch viele Homosexuelle „Sportschau“. Beim Song Contest sind sehr viele Macher und Journalisten schwul. Aber das Finale sehen jedes Jahr in Deutschland bis zu elf Millionen Zuschauer. So viele Homosexuelle leben hier nicht.

Anders als Fußball-Fans werden Grand-Prix-Anhänger nie nationalistisch, wenn sie mit ihrem Land mitfiebern. Eint der Grand Prix Europa mehr als die Politik?

Feddersen: Sicher. Im Green Room sitzen Armenier neben Aserbaidschanern und Türken neben Griechen. Hier kommen sie miteinander aus. Der Grand Prix ist die einzige europäische Kulturveranstaltung, die diesen Namen verdient.

Von Matthias Lohr

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