Kettcar-Sänger: "Ich fiel in ein tiefes Loch"

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Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch

Hamburg - Die Hamburger Band Kettcar veröffentlicht am Freitag ein neues Album. Im Interview spricht Sänger Marcus Wiebusch über seine Schreibblockade.

Wie der Boxer, der sich zu jeder neuen Runde wieder aufrappelt, kehrt die Hamburger Band Kettcar kampferprobt zurück in den Ring der deutschen Musikszene.

Das neue, mittlerweile vierte Studioalbum erscheint am Freitag (10. Februar) mit dem passenden Titel “Zwischen den Runden“. Ob der sich auf einen Boxkampf oder doch auf ein Autorennen oder die Bier-Runden in einer Kneipe bezieht, soll offen bleiben. Gemeinsam ist allen Möglichkeiten der Moment der Ruhe und des Innehaltens. Eine Pause zum Luftholen, Reflektieren und Kraft schöpfen hat auch der Band gut getan.

Vier Jahre sind vergangen seit dem letzten Studioalbum “Sylt“. Ganz anders als der düstere und krachige Vorgänger präsentiert sich die neue Platte extrem ruhig und gelassen. Das war alles andere als absehbar, denn es war eine schwere Zeit für die Band. “Nach 'Sylt' bin ich in ein Loch gefallen und konnte mich nur schwer zum Weitermachen animieren“, sagt Frontmann Marcus Wiebusch im dapd-Interview. Neben dem schmerzhaften Abschied von Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales hatte er zunächst mit Schreibblockaden zu kämpfen.

Liebeslieder ohne Kitsch und Klischees

So stammen fünf der zwölf Songs auf der Platte erstmals aus der Feder von Bassist Reimer Bustorff, darunter der wohl dunkelste Song “Zurück in Ohlsdorf“ über die Beerdigung eines Freundes. Auffällig sind aber gerade die vielen hellen und mutmachenden Lieder auf dem Album. “Mir kam dann der Impuls, dass ich auch positive Songs schreiben kann“, sagt Wiebusch. Neben “Schwebend“, der Skizze eines perfekten Sonntagmorgens, sind es vor allem die Liebeslieder, die überraschen. Das Thema Liebe war bei Kettcar bisher eher die Ausnahme und nur in “Nacht“ und der Geschichte von Audrey Hepburn und dem tapsigen Tanzbären “Balu“ zu finden.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Musikwirkung auf den Körper
Elektropop (z.B. Lady Gaga, Alejandro):  Bei einem Tempo über 72 bmp haben Musikstücke insbesondere auf Frauen aufputschende Wirkung. Frequenz: 80 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Rock/Pop (z. B. U2 – Beautiful Day): Gut für Männer, da sie häufig zu höheren Blutdruck als Frauen neigen. Ihre Leistung wird durch hohe motorische Erregung beeinträchtigt. Aus diesem Grund führen bei Männern tendenziell ruhigere, fließende Klänge zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit. Frequenz: unter 72 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Akustik/Folk/Blues (z. B. Jack Johnson – Wasting Time): Ruft stärkste Reaktion des Körpers hervor, da das Tempo einem verlangsamten Herzrhythmus ähnlich dem Schlafzustand entspricht. Dabei kommt es beim Zuhörer zur größten Entspannung, zur Beruhigung der Atmung und zur Entkrampfung der Muskulatur. Frequenz: 60 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Klassik (z. B. Wolfgang Amadeus Mozart – „Lacrimosa“ aus dem Requiem):  Die klassischen Klänge im langsamen Tempo helfen bei Schlafstörungen und lösen körperliche Verspannungen. Daher wird heute häufig in Zahnarztpraxen oder OP-Sälen klassische Musik zur präoperativen Angstreduktion der Patienten abgespielt. Frequenz: 65 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Oper (z. B. Guiseppe Verdi – „Triumphmarsch“ aus der Aida): Kann die Konzentrationsfähigkeit fördern und sich positiv auf den Blutdruck auswirken. So führte Verdis emotional mitreißende Opernmusik aus Aida in wissenschaftlichen Untersuchungen zu einer Blutdrucksenkung um durchschnittlich 5 mmHg bei den Zuhörern. Frequenz: 100 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Heavy Metal (z. B. Metallica – Enter Sandman): Das Lied beschleunigt die Herz-Kreislauf-Aktivität, da das Tempo dem Herzschlag während höherer Belastungen entspricht. Daher kommt es zu einer aufputschenden Wirkung. Frequenz: über 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Hard Rock (z. B. AC/DC – Highway To Hell): Hard Rock-Musik im schnellen Tempo wie dieser Klassiker kann zum Abbau von Aggressionen beitragen und helfen, Ängste und Frustrationen zu überwinden. Frequenz: im Mittel bei ca. 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Latino-Pop (z. B. Shakira – Waka Waka): Der beschwingte, lateinamerikanische Rhythmus im schnellen Tempo bringt das Herz-Kreislauf-System in Schwung und kann helfen, melancholische Augenblicke zu überbrücken. Frequenz: ca. 125 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Chanson (z. B. Beispiel: Udo Jürgens – Aber bitte mit Sahne): Hat einen anregenden Effekt, hilft gegen Müdigkeit. Hat eine Stimmung-aufhellende Wirkung und verbessert die Leistungsfähigkeit. Frequenz: 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Schlager (z. B. Jürgen Drews – Ein Bett im Kornfeld): Das mittlere Tempo erzeugt Ausgeglichenheit und hilft gegen Stress-Symptome. Kann darüber auch motivationssteigernd wirken. Frequenz: 110 Hz. © dpa

“Liebeslieder schreiben ist wahnsinnig schwierig, weil man sich schnell in Klischees wiederfindet“, sagt der 43-Jährige. Die Lösung für dieses Dilemma zeigt der Song “Rettung“, in dem es darum geht die betrunkene Freundin nach Hause zu bringen. “Liebe ist nicht das, was man empfindet, sondern das, was man tut“, findet Wiebusch und singt es so ähnlich in dem Lied. Es falle gerade Männern auch oft nicht leicht, die heiligen drei Wörter zu sagen: “Weil man sich ständig fragt, ob ein Lügner nicht dasselbe sagt.“

Neben den gewohnt poetischen Zeilen zeigt die Band auch wieder subtilen Humor, wenn das Glück zur einfältigen Kuh wird, die nur den dümmsten Ochsen zuläuft, mit der Zeile “Oh bitte, wo bleiben die Geigen?“ ironisch die Streicher einsetzen oder der männlich-militärische Pathos mit “Nein, ein Marine lässt niemanden im Stich“ auf die Schippe genommen wird. Kettcar machen mit dem weiter, was sie schon immer konnten: Guter Musik mit verdammt guten deutschen Texten.

Der Erfolg von Thees Uhlmann sorgt für mehr Freiheit

In den letzten zwei Jahren ging es bei Kettcar auch darum, sich vom Druck des eigenen Labels frei zu machen. “Wir waren noch nie so sehr Künstler wie in dieser Zeit“, so Wiebusch. Die Plattenfirma Grand Hotel van Cleef hatten er und Bustorff 2002 gemeinsam mit dem damaligen Tomte-Sänger Thees Uhlmann gegründet. Seit August 2011 ist Uhlmann mit seinem Soloalbum erfolgreich unterwegs. “Für uns ist Thees Erfolg zusätzlich entlastend. Sonst hätten wir vielleicht mehr Radiosongs aufnehmen müssen“, gesteht der Kettcar-Frontmann.

Musikalisch haben sich die Hamburger Indierocker stark von ihrer Akustiktour beeinflussen lassen. Häufig werden die Lieder von Streichern begleitet. Aber auch schrille Elektrosounds kommen zum Einsatz. “Im Unterschied zum letzten Album wollten wir unsere Songs mit größtmöglicher Offenheit aufnehmen. Einfach mal machen und alles ausprobieren“, sagt Wiebusch. Etwas überraschend Neues ist dabei nicht herausgekommen. “Nö, warum auch?“ entgegnet der Sänger gelassen.

Selbstmitleidige Töne sind auf der Platte nicht zu finden, was nicht heißen soll, dass die Welt in Ordnung ist. Der politische Song “Schrilles, buntes Hamburg“ ist eine Anklage gegen die Verwertbarkeitslogik der Kulturpolitik. Statt sich in der Vereinzelung selbst zu bemitleiden, sollten sich die Menschen zusammen tun, so Wiebusch, darum gehe es auch in der Single “Im Club“ - ein Anti-Befindlichkeitslied. Aufgeben ist also keine Option: “Befindlichkeitsfixiert“ war gestern - umso mehr Gültigkeit bewahrt die alte Kettcar-Liedzeile: “Einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss.“

dapd

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