Loriot ist tot - Deutschland trauert

Ammerland - Deutschlands berühmtester Humorist, der mit bürgerlichem Namen Vicco von Bülow hieß, starb am Montag mit 87 Jahren in Ammerland am Starnberger See, wie der Diogenes Verlag mitteilte.

Loriot sei zu Hause “sanft entschlafen“, sagte Diogenes-Sprecherin Ruth Geiger.

Loriots Szenen voller Sprachwitz und Pointen sind legendär - etwa der Sketch mit der Nudel im Gesicht beim Rendezvous oder der Cartoon “Herren im Bad“ (“Die Ente bleibt draußen“). Auch seine beiden Kinofilme “Ödipussi“ und “Pappa ante portas“ begeisterten Millionen Menschen.

Loriot - ein Streifzug durch sein Leben

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Loriot demonstriert 1974 in einer Szene der Fernsehsendung "Telecabinett" Benimm-Regeln und korrekte Tischmanieren. © dpa
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Loriot auf Reisen (1980) - ein solcher Sitznachbar ist der Alptraum aller Flugreisenden. Hier ist Evelyn Hamann genervt. © dpa
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Vicco von Bülow mit seiner Kollegin Evelyn Hamann auf dem berühmten Gründerzeitsofa aus seinen Fernsehsketchen. © dpa
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Loriot mit der Büste einer seiner bekanntesten Figuren, "dem Knollenasenmann". Neben dem Mann mit der dicken Nase gehören auch "Wum und Wendelin", "Herr Müller-Lüdenscheid" und "Ehepaar Hoppenstedt" zu seinen vielen Schöpfungen. © dpa
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An der Seite seiner dominanten Mutter (Katharina Bauren) schrumpft Paul Winkelmann (Loriot) in "Ödipussi" zu einem Muttersöhnchen ... © dpa
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Veronica Ferres und Vicco von Bülow bei der Verleihung "Bayerischer Fernsehpreis 2002" mit den "Blauen Panthern. Loriot erhielt den undotierte Ehrenpreis des Ministerpräsidenten. © dpa
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Vicco von Bülow kommt mit seiner Frau Romy (l.) und Tochter Bettina in die Deutsche Oper Berlin zu einem Konzert, das anlässlich seines 80. Geburtstages veranstaltet wurde. © dpa
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Der Humorist führte bei der Sendung "Loriots 80. Geburtstag" selbst Regie. Das Drehbuch schrieb ebenfalls er. In der Sendung gab es neues Material und Geschichten aus Loriots Leben hinter der Bühne. © dpa
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Der Humorist, Cartoonist, Autor, Schauspieler und Regisseur Vicco von Bülow alias Loriot vor Eröffnung der Ausstellung "Loriot - Die Hommage" im Filmmuseum Berlin. Die Schau war von 6. November 2008 bis 29. März 2009 zu sehen. © dpa
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Loriot mit seinen geliebten Möpsen. Eine Portaitcollage über Victor von Bülow war am Donnerstag, 13. November, um 22.45 Uhr in der ARD zu sehen. © dpa
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Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, der seinen Künstlernamen Loriot nach der französischen Bezeichnung für das Wappentier der Bülows (den Pirol) wählte, feierte am 12. November seinen 85. Geburtstag. © dpa
Loriot lebte zuletzt zurückgezogen  mit Ehefrau Romi und Mops Emil am Starnberger See, seine öffentlichen Auftritte waren äußerst rar gesagt: “Meine öffentlichen Auftritte werde ich auf meine Lieblingsrestaurants beschränken", witzelte der Komiker im Mai 2011. © dapd
Der Fernsehhund "Wum" und sein Kumpan, der Elefant "Wendelin", warben seit den 70er Jahren in Cartoons für die “Aktion Sorgenkind“ vom ZDF (heute “Aktion Mensch“) in Wim Thoelkes Sendung “Der große Preis“ (“Thööööölke!“). © dpa
Vier bekannte Szenen aus Werken des Humoristen Loriot sind die Motive einer Briefmarken-Serie 2011. Der Verkaufserlös kommt der sozialen Arbeit der großen Wohlfahrtsverbände zugute. © dpa
"Manchmal musste ich nur dasitzen und verständnislos schauen. Damit konnte ich Loriot begeistern. Zu lachen gab es nichts. Wir mussten alle sehr ernsthaft, präzise, diszipliniert und ausdauernd arbeiten“, sagt Schauspielkollege Heinz Meier (“Erwin Lindemann“) © dpa
Die 2007 verstorbene, langjährige Sketchpartnerin Evelyn Hamann (r.) sagte über ihren Kollegen: “Wer ist Loriot? Viele Masken, viele Gesichter. Bisher kannten wir ihn nur als den Herrn, der etwas steif auf dem Sofa sitzt, gelegentlich freundlich lächelnd und im Ganzen etwas kühl wirkend. © dpa
“Er ist, ob er will oder nicht, der, auf den man sich immer beruft, wenn man die Frage stellt, ob es einen deutschen Humor gibt oder nicht. Nachdem es keinen zweiten Loriot gibt, ist er verantwortlich dafür, dass es den deutschen Humor wirklich gibt", schwärmt Kabarettist Dieter Hildebrandt. © dpa
“Was Loriot so wertvoll macht, ist die Tatsache, dass niemand in Sicht ist, der ihm auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte", sagte Moderator Thomas Gottschalk über ihn. © dpa
Schauspieler und Kabarettist Ottfried Fischer konstatierte: “Loriot ist der unerreichte Altmeister des deutschen Humors.“ © dpa
“Loriot war der Fred Astaire unter den Humoristen. Sein Humor bleibt unsterblich", kommentierte Filmemacher Michael “Bully“ Herbig in einer Mitteilung den Tod von Loriot. © dpa

Die Familie habe den Schweizer Diogenes-Verlag gebeten, die Öffentlichkeit zu informieren, sagte Verlagssprecherin Geiger. Eine ergänzende Stellungnahme der Angehörigen sei nicht geplant. “Die Trauerfeier findet im engsten Familienkreis statt“, sagte die Verlagssprecherin. Der Termin wurde von Geiger nicht genannt. “Die Familie möchte dies nicht.“

Loriot selbst hatte sich sich in den vergangenen Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Man sah ihn zuletzt kaum noch mit einem seiner Möpse (“Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos“) am Starnberger See oder um den Berliner Savignyplatz spazieren gehen. Die Augen machten nicht mehr mit.

“Mein Vater wird schwächer“, hatte Tochter Susanne von Bülow der “Bild“-Zeitung im April 2011 gesagt. “Weil er kaum noch sehen kann, liest er pro Tag nur noch eine Seite. Dann tanzen die Buchstaben vor seinen Augen.“ Auf die “Zeit“-Frage, ob er das Gefühl verspüre, “dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist“, antwortete Vicco von Bülow in preußisch knapper Manier: “Ja“.

Loriot wurde zunächst mit Knollennasenmännchen in Zeitschriften-Cartoons bekannt. Später kamen die Fernseh-Sketche, etwa in der ARD-Serie “Loriot I-VI“ in den 70er Jahren, hinzu. In Sketchen wie über die Familie Hoppenstedt trat Loriot meist selbst als wandlungsfähiger Schauspieler auf, oft mit seiner bereits 2007 gestorbenen Kollegin Evelyn Hamann.

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Loriot schrieb legendäre Dialoge von Männern und Frauen, die seiner schlitzohrigen Meinung nach überhaupt nicht zusammenpassen, etwa über das weich- oder hartgekochte Frühstücksei. Außerdem machte er den vielleicht bekanntesten Rentner und Lottomillionär der Fernsehgeschichte unsterblich: Erwin Lindemann (vom Schauspieler Heinz Meier dargestellt), der “seit 66 Jahren“ Rentner ist und vor einem Fernsehteam völlig verwirrt seinen Plan verkündet, mit seiner Tochter und dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal zu eröffnen.

Populär wurde auch das Zeichentrickpärchen Wum und Wendelin in der Fernsehshow “Der große Preis“ mit Wim Thoelke. Auch im Kino hatte Loriot, der als Künstlername die französische Bezeichnung für das Wappentier der Familie Bülow (Pirol = loriot) wählte, großen Erfolg. Sein Kinodebüt “Ödipussi“ (1988) zählt zu den meistgesehenen Kinofilmen der deutschen Nachkriegsgeschichte, dem 1991 die grandiose Rentner-Posse “Pappa ante portas“ folgte. Seine gesammelten Werke als Zeichner und Humorist erschienen im Diogenes Verlag (Zürich).

Vertreter aus Politik und Kultur würdigen den Humoristen

Das Werk des verstorbenen Humoristen Loriot wird nach Überzeugung von Bundeskanzlerin Angela Merkel die Deutschen noch lange zum Lachen bringen. Loriot habe Generationen mit seinen Sketchen, Zeichnungen, Texten und Filmen begeistert, erklärte die CDU-Vorsitzende am Dienstag in Berlin. Sie trauere um einen großen Künstler und wunderbaren Menschen. “Loriots einmalige Fähigkeit, uns liebevoll den Spiegel vorzuhalten, wird uns fehlen“, betonte Merkel.

Bundespräsident Christian Wulff nannte von Bülow einen “lebensklugen Beobachter menschlicher Schwächen“. “Wir haben durch Loriot lachen gelernt über die komplizierten und die aller einfachsten Schwierigkeiten des Lebens“, sagte er.

Die ernste Seite des Humoristen hob Bundestagspräsident Norbert Lammert hervor. So habe er mit Blick auf die Offizierstradition seiner Familie auf die Frage, ob er im Zweiten Weltkrieg ein guter Soldat gewesen seit, geantwortet: “Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende.“ “Beide, Loriot wie Vicco von Bülow, werden uns sehr fehlen“, sagte Lammert.

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, sagte: “Er hat das deutsche Fernsehen mit anspruchsvollem Humor auf eine Höhe gebracht, die von heutigen Comedystars unerreicht bleibt.“ Er verbeuge sich vor dem großen Satiriker Loriot, “der für mich immer auch ein Vorbild war“.

“Karl Valentin des Cartoons und der Fernsehunterhaltung“

Der Künstler erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, darunter den Deutschen Filmpreis, den Deutschen Kleinkunstpreis, die Goldene Kamera, den Karl-Valentin-Orden, den Wilhelm-Busch-Preis und den Ernst-Lubitsch-Preis. Loriot war Mitglied der Berliner Akademie der Künste und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er war auch Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.

Als “eines der wenigen Fernsehgenies“ hat der Leiter des Grimme-Instituts in Marl, Uwe Kammann, den verstorbenen Humoristen gewürdigt. Mit Loriot,sei “einer der größten Komiker Deutschlands der Nachkriegsgeschichte“ gestorben. Seine Mischung aus trockenem und hintergründigem Humor sei einzigartig und unverwechselbar und “in dieser Kombination nie wieder erreicht“, sagte Kammann.

Manche nannten den aus Brandenburg an der Havel stammenden Offizierssohn, dessen Vorfahren am Hof von Friedrich dem Großen verkehrten, auch den “Karl Valentin des Cartoons und der Fernsehunterhaltung“ oder “Deutschlands komischste Figur“. Zu seinem 85. Geburtstag im Jahr 2008 war im Berliner Film- und Fernsehmuseum am Potsdamer Platz die bis dahin umfassendste Loriot-Retrospektive zu sehen.

ausgezeichnet. dpa/dapd

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