„Verdammt, ich lieb dich“-Sänger im Interview

„Was für eine Scheiße“: Matthias Reim verrät bei IPPEN.MEDIA, was ihn am Schlager ärgert – und was gut läuft

Schlagerstar Matthias Reim neben dem Cover seines neuen Albums „Matthias“ (Fotomontage)
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Matthias Reim im IPPEN.MEDIA-Interview für IPPEN.MEDIA (Fotomontage)

Mit „Matthias“ bringt Schlagerstar Matthias Reim nun sein sage und schreibe 21. Studioalbum heraus. Die Lust an der Musik hat er nie verloren, wie er im IPPEN.MEDIA-Interview verrät. Außerdem spricht er ausführlich über seinen Mega-Hit „Verdammt, ich lieb dich“ und übt scharfe Kritik daran, wie es früher in der Schlagerszene lief.

Stockach - Matthias Reim (64) macht‘s nochmal: Obwohl dem Schlager-Rocker mit „Verdammt, ich lieb dich“ schon 1990 einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Hits aller Zeiten gelungen ist, hat er seine Freude an der Musik nie verloren – im Gegenteil: Sage und schreibe 20 Studioalben hat der 64-Jährige in der Zwischenzeit veröffentlicht; mit „Matthias“ kommt am 14. Januar das 21. dazu. Arbeitsscheu scheint der Singer-Songwriter in all den Jahren nicht geworden zu sein.

Im IPPEN.MEDIA-Interview spricht Matthias Reim nicht nur ausführlich über seine Neuveröffentlichung und verrät, welchen Tipp er seinem Schlager-Nachwuchs für deren Karrieren gegeben hat, sondern blickt auch kritisch auf die Entwicklung des deutschen Schlagers zurück und offenbart, was sich in all der Zeit verbessert hat. Extratipp.com* von IPPEN.MEDIA berichtet.

Schlager: Matthias Reim von Santiano beeinflusst? – „Dieses Folk-Rock-Element ist massiv vorhanden“

Mit „Matthias“ erscheint am 14. Januar 2022 Ihr 21. Studioalbum. Ist man nach so vielen Veröffentlichungen eigentlich noch aufgeregt, wenn wieder eine neue Platte rauskommt, oder ist das gefühlsmäßig längst zum Alltag geworden?
Ich glaube, die Auswertung von Inspiration und Kreativität wird nie Alltag sein. Ganz im Gegenteil: Das ist eine Herausforderung! 21 Alben gemacht zu haben, setzt ja schon voraus, dass man sich einen Kopf darüber macht, welche Geschichte man noch erzählen kann.
Das ist nicht immer einfach, aber ich liebe Herausforderungen und glaube, dieser bin ich ganz gut begegnet. Das liegt auch an den Begleitumständen: Durch die Pandemie hatte ich wirklich viel Zeit, an Songs zu arbeiten und über Geschichten nachzudenken.
Neben klassischen Matthias-Reim-Hits finden sich auf dem neuen Album auch einige Songs, die deutlich hörbar über den Schlager-Tellerrand hinausblicken. „Reise um die Welt“ schlägt mit seinem Folk-Elementen beispielsweise fast schon eine Brücke zu Ihren Kollegen von Santiano…
Ja, das habe auch gedacht, als ich es gemacht habe. Aber: Das ist für mich kein Problem. Dieses Folk-Rock-Element ist massiv vorhanden und etwas, das ich schon seit rund 40 Jahren einfach kenne. Ich habe früher ja auch selbst in Folk-Rock-Bands gespielt. Für mich ist das also nichts Neues.
So wie Santiano das macht, finde ich es einfach großartig und hatte selbst auch eine kindliche Freude an der Produktion von „Reise um die Welt“. Ja, es ist irgendwie Santiano – irgendwie aber auch nicht! Auf jeden Fall ist es eine Stilrichtung, die ich so noch nie veröffentlicht habe und deswegen sehr gespannt bin, wie mein Publikum darauf reagiert.
Mit „Matthias“ veröffentlicht Matthias Reim am 14. Januar sein sage und schreibe 21. Studioalbum – im Interview mit IPPEN.MEDIA verriet der Schlagerstar, wie er neuer Musik begegnet: „Für mich steht der Spaß im Vordergrund“
Ihnen ist es also nach wie vor wichtig, sich musikalisch immer weiterzuentwickeln?
Ich bin Matthias Reim und von Matthias Reim erwartet man immer etwas. Man möchte definitiv nicht über 15 Songs den berühmten Schlager-Discofox mit den quietschenden Synths in den Strophen hören. Da denke ich mir immer: „Was macht ihr da? Lasst doch mal den Stimmen etwas Platz!“
Für mich steht der Spaß im Vordergrund: Was mache ich wirklich gerne? Woran erinnere ich mich gerne? Welche Bands haben mich beeinflusst? Ich nehme mir gerne die Zeit und bringe dann auch mal ein zweiminütiges Gitarrensolo, das komplett durchkomponiert ist. Mich inspirieren da Musiker wie David Gilmour von Pink Floyd oder die Eagles, die sich immer genau fragen: „Wo wollen wir hin?“
Dass so ein Song wie „Du liebst mich auch“ dann immer noch unter dem Stempel Schlager erscheint, macht mir großen Spaß. Einfach mal machen! Und ich glaube, die Menschen, die meine Musik hören, freuen sich darüber dann auch.

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Schlager: Matthias Reim genießt es, „Verdammt, ich lieb dich“ live zu spielen – „Zündet immer noch“

Ihre Verbundenheit zur Rockmusik ist Ihnen also über all die Jahre erhalten geblieben?
Da komme ich ja her! Ich wurde geimpft, mit Led Zeppelin, Pink Floyd, Deep Purple und wie sie alle heißen. Das hat meine Art, Musik zu machen oder Gitarre zu spielen, wesentlich beeinflusst. Da saß ich vor der alten Radiokommode meines Vaters und habe das nachgespielt. Ich habe mich früher als junger Rory Gallagher gesehen, weil ich mir dessen Technik selbst beigebracht habe.
Mit „Verdammt, ich lieb dich“ ist Ihnen 1990 nicht nur ein Millionenseller, sondern auch der mit Abstand erfolgreichste Hit Ihrer Karriere geglückt. Stört es Sie, dass man Ihr Schaffen oftmals auf diesen Song reduziert?
Nein, es stört mich nicht, weil ich gelernt habe, es zu akzeptieren. Natürlich freue ich mich über sämtliche Reaktionen auf meine anderen Songs, die ganz anders sind. Ich genieße „Verdammt, ich lieb dich“ aber vor allem, wenn wir live spielen. Da gibt es dieses unfassbare, generationenverbindende Feier-Element, das kein anderer Künstler in Deutschland hat. Wer das mit 10.000 Leute live erlebt hat, schnappt anschließend nur nach Luft und denkt sich: „Was hat er denn da gemacht?“
Für mich ist das wundervoll und ich singe des Song deswegen auch noch unheimlich gerne. Und da stehe ich auch dahinter, weil das ist kein Schlager. Das ist eine angerockte Geschichte mit unfassbaren 200 Beats pro Minute und absolut Moll-lastig, mit der ich immer noch super leben kann. Egal, auf welche Musik man steht, der Song zündet immer noch im ganzen Volk. „Verdammt, ich lieb dich“ ist für mich deshalb der Beweis, dass man nicht in die Charts schauen sollte, wenn man Lieder schreibt, sondern das machen muss, was einem selbst einfällt.
Inzwischen wurde Ihr Hit ja auch mehrfach gecovert, zuletzt sogar von David Hasselhoff, einem Star von internationalem Format. Bei der „Schlagerchallenge.2021“ haben Sie den Song ja sogar mit ihm gesungen. Wie kam es zu dieser doch ungewöhnlichen Zusammenarbeit?
Ich kenne David seit 30 Jahren, weil wir uns gerade früher öfter bei Preisverleihungen oder anderen Veranstaltungen getroffen haben. Wenn wir eine Party nicht mochten, haben wir uns ins Auto verzogen und gegenseitig unsere Demos vorgespielt. Daraus hat sich dann eine Freundschaft entwickelt.
Bei ihm blieb „Verdammt, ich lieb dich“ auch lange im Hinterkopf, denn dieser Song ist ganz klar mit seiner größten Zeit in Deutschland verbunden. Als er dann wieder ein Album in Deutschland gemacht hat, auch noch mit Coverversionen, hat er bei mir angefragt und ich habe ihm sofort zugesagt. Besonders, weil sie seine Version harmonisch geändert und auch witziger gemacht haben, finde ich die Version großartig: Es ist ein guter, moderner Sound und David Hasselhoff singt das einfach richtig cool.
Viele haben sich an den Song gewagt, doch keiner ist bisher ans Original herangekommen. Wenn ich mir die monatlichen Download- und Streamingzahlen von „Verdammt, ich lieb dich“ anschaue, bin ich wieder und wieder fassungslos, wie viele Menschen sich den Song immer noch anhören.
Im IPPEN.MEDIA-Interview sprach Matthias Reim auch über seinen Mega-Hit „Verdammt, ich lieb dich“ – er sei „wieder und wieder fassungslos, wie viele Menschen sich den Song immer noch anhören“, so der Schlagerstar

Schlager: Matthias Reim kritisiert Jahre der „Cliquenwirtschaft“ – „Sonst hattest du keine Chance“

Schlager erlebt in Deutschland überhaupt seit einigen Jahren nun wieder eine absolute Hochphase, egal ob in den Charts, der Presse oder im Fernsehen – das Genre ist praktisch omnipräsent. Sie haben diesen Wandel als Künstler selbst miterlebt. Was macht ihrer Meinung nach der deutsche Schlager richtig, um nachhaltige Erfolge zu erzielen?
Ich glaube, das ist ganz einfach: Es ist die Sprache. Es ist das Selbstbewusstsein, das sich die Nachkriegsdeutschen wieder zurückgeholt haben. Musik soll Spaß machen und keine intellektuelle Überzeugung widerspiegeln. Früher, in den 1980ern, als ich angefangen habe, deutsche Musik zu machen, gab es vom Südwestrundfunk noch diese Plakatwerbung, auf der stand: Versprochen, wir spielen keinen Scheiß-Schlager.
Schlager war so verpönt, hatte aber auch teils zurecht diesen Stempel, weil es hier und da musikalisch doch einfach unterirdisch war. Genau das hat sich inzwischen gewandelt: Die Musik ist so vielseitig geworden und es gibt zahlreiche Newcomer, die sich ausprobieren. Die wissen ganz genau, dass man hierzulande mit deutschen Texten ein längeres Künstlerdasein hat.
Ich habe das übrigens genauso meinen Kindern gesagt: Singt auf Deutsch, denn die US-amerikanische Konkurrenz könnt ihr nicht toppen. Nicht unbedingt, weil die besser sind, sondern einfach, weil es ihre Muttersprache ist. Da kannst du Emotionen ganz anders beschreiben, als wenn du die Texte übersetzt. Du lebst, atmest und fühlst diese Sprache letztendlich einfach nicht.
Ich ziehe schon auch gerne mal über den deutschen Schlager und manche Songs her, zum Beispiel wenn ich die zufällig beim Autofahren im Radio höre. Meine Frau guckt mich dann groß an, während ich ins Lenkrad beiße und mir denke: „Was für eine Scheiße…“ So etwas gibt es natürlich auch, aber dafür freue ich mich umso mehr über all jene, die das Genre immer wieder erneuern. In dieser Hinsicht bin ich gerne der Vorreiter, der mit den Regeln bricht und zeigt, dass man auf Deutsch wirklich alles machen kann.
Ihren Worten ist zu entnehmen, dass Sie mit der Entwicklung der Schlagerbranche sehr zufrieden sind. Gibt es dennoch Dinge, die früher doch besser waren?
Nein, vieles hat sich tatsächlich merklich verbessert, so in der Gesamtheit betrachtet. Früher wurde da doch sehr stark Cliquenwirtschaft betrieben. In die Sendungen von Dieter Thomas Heck kamst du beispielsweise nur rein, wenn du politisch korrekt genau in das Bild gepasst hast – sonst hattest du keine Chance!
Deutsche Singer-Songwriter gab es schon immer, doch die wurden einfach weggewischt, weil sie nicht in das konservative Bild gepasst haben. Das hat sich zum Glück wirklich aufgelöst. Gerade an der Wandlung von Florian Silbereisen lässt sich das doch gut sehen, wenn man vergleicht, wie er vor 20 Jahren ausgesehen und sich gegeben hat.
Inzwischen hat sich eben nicht nur er gewandelt, sondern auch die Akzeptanz gegenüber dem, was in den Sendungen letztendlich dargeboten wird. Das deutsche Publikum ist sehr tolerant geworden und das schätze ich wirklich sehr. Auch die Shows sind moderner, das Licht, der Sound. Nur bei den Moderationen könnte man noch einen Hauch lockerer sein, aber ansonsten gefällt mir das doch sehr gut, was da aktuell gemacht wird.
Zum Abschluss noch ein Blick zurück ins Jahr 2021: Was war ihr persönliches Schlager-Highlight?
Mein Schlager-Highlight war mein Konzert in Dresden, das ich nach dieser langen Abstinenz mit einem völlig neuen Programm vor 10.000 Leuten geben durfte. Wir haben dafür ja wirklich monatelang in den Proberäumen, die ich extra dafür gebaut habe, geübt und uns fest vorgenommen, dass jeder Song ein Erlebnis wird. Drei Monate Proben sind auch teuer, doch es hat funktioniert. Wir haben uns natürlich drauf gefreut, endlich loszulegen, aber das ist uns zwischen den Jahren dann um die Ohren geflogen.
Trotzdem: Tief durchatmen, ins Studio gehen, neue Songs schreiben und die Zeit nutzen, bis wir wirklich zeigen dürfen, was der Alte noch drauf hat!

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