Mutter des Grundgesetzes: ARD würdigt Elisabeth Selbert

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Unterstützung durch die Kollegin: Frieda Nadig (Lena Stolze, links) und Elisabeth Selbert (Iris Berben) - 1948/49 zwei von nur vier Frauen bei den Beratungen im 70-köpfigen Parlamentarischen Rat. Fotos: wdr

Am Ende gönnt sich „Sternstunde ihres Lebens“, die sehenswerte WDR-Produktion über die Kasseler Juristin und SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, einen erhabenen Moment. Pathos ist ja selten, wenn es um die deutsche Verfassung geht - die auch nüchtern Grundgesetz heißt.

Im Parlamentarischen Rat werden, als alles beschlossen ist, die Grundrechte verlesen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, so geht es los. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Klare, einprägsame Sätze. Zum 65. Geburtstag der Republik am Freitag darf so viel Feierlichkeit schon mal sein.

Zumal die 90 Filmminuten - am Mittwoch, 20.15 Uhr, im Ersten - deutlich machen, welche überragende Leistung dieses Gremium unter Aufsicht der Besatzungsmächte vollbrachte, wie wenig selbstverständlich die freiheitlich-demokratische Grundordnung war und ist. Und welchen großen Anteil Selbert hatte, die bis zur völligen Erschöpfung, auch gegen Widerstände der eigenen Fraktion, für die unmissverständliche Formulierung kämpfte, die weitreichende Folgerungen für das Bürgerliche Gesetzbuch mit sich bringen sollte: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Artikel 3 Absatz 2.

Bonn, September 1948. Die Kriegsfolgen sind unübersehbar. Die Männer sind tot, versehrt oder in Gefangenschaft. Kehren sie zurück, treten Frauen wieder in die zweite Reihe. Die Familie ist Keimzelle der bürgerlichen Ordnung, der Mann ihr Oberhaupt. Frauen dürfen ohne seine Erlaubnis weder den Führerschein machen noch Verträge abschließen oder einen Beruf ausüben. Selbert, die promovierte Anwältin, deren spröden Fleiß, Beharrlichkeit und Energie Iris Berben überzeugend verkörpert, ist ganz und gar untypisch. Deshalb haben Autorin Ulla Ziemann und Regisseurin Erica von Moeller Sekretärin Irma (Anna Maria Mühe) erfunden, die, anfangs naiv, ohne Ambitionen, zu Selberts Unterstützerin wird, als die einen Stein ins Rollen bringt, die Öffentlichkeit mobilisiert.

Mag dieser Entwicklungsprozess - nicht zuletzt weil Irmas Liebelei mit einem Abgeordneten (Max von Thun) scheitert - schematisch gezeichnet sein, das Zeitkolorit stimmt: Die Stühle der Parlamentarier sind schäbig, die Landkarte im Büro zeigt noch die Ostgebiete, Kleidung und Autos sind uns fremd - die Zeitreise funktioniert (auch wenn Selbert selbst nie am Steuer saß). Sehr schön wird deutlich, wie die Politik von Männern in Hinterzimmern gemacht wurde, beim Bier im Wirtshaus. Schauspieler Felix Vörtler, der den SPD-Verhandlungsführer Carlo Schmid spielt, räumt im Gespräch allerdings ein, es sei undenkbar gewesen, die Protagonisten von damals eins zu eins zu kopieren. Die ausgefeilte Rhetorik eines Carlo Schmid - ein einziger Satz von 30 Druckzeilen sei bei ihm keine Seltenheit gewesen - wäre auf Fernsehbildschirmen im Jahr 2014 eine Zumutung, die die Zuschauer vermutlich sofort abschalten ließen.

Auf dem Bonner Nachttisch Elisabeth Selberts steht das Foto ihres Mannes Adam in Kassel (die Stadt kommt ansonsten kaum vor, gedreht wurde in Nordrhein-Westfalen), brieflich erbittet sie seinen Rat. Es war, auch das ist heute unvorstellbar, ein Zeitalter ohne Flatrates, Handys, E-Mails, Skype.

Der Hessische Rundfunk, so war am Rande der Filmpräsentation im ARD-Hauptstadtstudio Berlin zu hören, habe den Stoff dankend abgelehnt. Ein leichtfertiges Versäumnis. Seine Verfilmung ist zwar keine Sternstunde des Fernsehens - dafür ist sie dann doch zu konventionell gestrickt - aber „Sternstunde ihres Lebens“ ist ein bewegendes, würdiges Denkmal für die Kasseler Ehrenbürgerin mit tollen Schauspielern, darunter Walter Sittler, Rudolf Kowalski, Eleonore Weisgerber, Maja Schöne.

Selberts Enttäuschungen indes - eine Parteikarriere und der erhoffte Sitz im Bundesverfassungsgericht blieben ihr verwehrt - werden nur im Abspann angetippt.

Zur Person

Der Film konzentriert sich auf den Parlamentarischen Rat. Auch andere Lebensabschnitte Elisabeth Selberts eigneten sich zum Filmstoff: Die 1896 in Kassel geborene Juristin war 1934 die letzte Frau, die unter den Nationalsozialisten Anwältin werden durfte. Damit ernährte die Mutter zweier Söhne die Familie - ihr Mann Adam, ein Sozialdemokrat, wurde 1933 in Schutzhaft genommen, durfte nicht mehr berufstätig sein. Kennengelernt hatten sich beide 1918, als Elisabeth Selbert - damals noch Martha Elisabeth Rohde - nach dem Besuch der Gewerbe- und Handelsschule Postbeamtenanwärterin war. Ebenfalls ungewöhnlich: Als junge Mutter holte sie 1926 ihr Abitur nach, studierte, promovierte über das Zerrüttungsprinzip als Scheidungsgrund. Als Einzige der „Mütter des Grundgesetzes“ war Selbert nie im Bundestag. Drei Perioden gehörte sie dem Landtag an. Bis ins hohe Alter arbeitete sie als Anwältin. Die Kasseler Ehrenbürgerin starb 1986.

Von Mark-Christian von Busse

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